Reisen bildet

Niemand weiß, wie viele touristische Unterrichtungstafeln an Autobahnen stehen

rov, dpa

Von Ronja Vattes & dpa

Sa, 24. Oktober 2020 um 17:27 Uhr

Reise

Braun-weiße Blechtafeln am Rande der Autobahn: Alle paar Kilometer bewerben sie historische oder touristische Sehenswürdigkeiten. Mitunter finden sich aber auch echte Kuriositäten.

Reisen bildet, selbst im Vorbeifahren. Jedenfalls ein bisschen. Man muss nur auf der Autobahn mit angemessen ruhigem Reisetempo unterwegs sein und die großen braun-weißen Tafeln beachten.

Dass man gerade das Sauerland oder die Lüneburger Heide streift, weiß man vielleicht auch sowieso. Auch kommt einem der "Kölner Dom" fast zwangsläufig in den Sinn, wenn man sich der Stadt am Rhein nähert. Aber von einer Zevener Geest, einer "Gellert-Stadt Hainichen" oder der Gedenkstätte KZ Hinzert haben vermutlich bestenfalls Geschichtsinteressierte und Insider eine Ahnung.

Für die einen sind die "touristischen Unterrichtungstafeln", wie die Schilder im Amtsdeutsch genannt werden, Heimatkunde im Vorüberfahren oder Marketing entlang der Autobahn, für die anderen ein weiterer Beitrag zum Schilderwald an unseren Straßen.

Weisst du, wie viel Schilder stehen...?

Keiner weiß, wie viele dieser braunen Schilder es genau gibt. Sie werden nicht zentral erfasst. Auf mehr als 3400 Schilder mit rund 1800 Motiven kommt Professor Sven Groß. Der Tourismusforscher von der Hochschule Harz hat dazu Anfang 2020 eine Studie vorgelegt.

Demnach ist jeder Sechste einem solchen Schild schon mal spontan gefolgt. Zwei von drei Befragten gaben an, dass sie sich an Schilder und die abgebildeten Ziele erinnern können. Nur vier Prozent sagten, sie hätten eine solche Tafel noch nie wahrgenommen.



Übersehen kann man die Tafeln eigentlich nicht. Sie sind um die zehn Quadratmeter groß, stets in den Farben Braun und Weiß gehalten und in Grenzregionen mitunter sogar zweisprachig.

Dorfkirchen, Irrgärten und Altstädte

Durchquert man das Land auf der A 4 von West nach Ost, dann macht das erste Schild auf das "Industrieland NRW Technologieregion Aachen" aufmerksam und das letzte kurz vor der polnischen Grenze auf die "Europastadt Görlitz Zgorzelec". Wobei nicht in beiden Richtungen die gleichen Schilder stehen. Wer von Ost nach West fährt, muss zum Beispiel ohne Hinweis auf die "Dorfkirche Cunewalde", den "Irrgarten Kleinwelka" oder die "Pfefferkuchenstadt Pulsnitz" leben.

Fährt man auf der A 7 von Nord nach Süd, dann liegen zwischen dem Nolde Museum an der Nordseeküste und der historischen Altstadt von Füssen gut 950 Kilometer – und weit mehr als hundert Schilder.

Volle Konzentration ist vor allem im Süden der Republik gefordert, wer als Beifahrer die Zeichen am Autobahnrand studieren will. 836 Schilder hat Sven Groß allein in Bayern gezählt. In Mecklenburg-Vorpommern kam der Tourismusforscher auf 184, in Berlin gerade mal auf eines – es erinnert an die "Deutsche Teilung 1945–1990".

Südbadischer Schilderwald

Auch in Südbaden entlang der A 5 wird fleißig die Werbetrommel gerührt für die Sehenswürdigkeiten und kulturellen Besonderheiten entlang der Strecke. Bei Offenburg wird historisch bedeutsam auf die Badische Revolution mit dem Schild "Platz der Verfassungsfreunde" hingewiesen. Das Weinland Breisgau wird ebenso in Braun-Weiß beschildert wie die Burgruine Hohengeroldseck bei Seelbach oder die Barockstadt Ettenheim. Schloss Bürgeln Schliengen, der Blankenhorn Palais in Müllheim, die Zähringerstadt Neuenburg am Rhein, das Weinland Markgräflerland, "Architektur und Design Weil am Rhein" sind vertreten oder schlicht und einfach der Hochschwarzwald als solcher – skizziert mit sanften Hügeln, spitzen Tannen und einem klassischen Bauernhaus. Und auch der Europa-Park in Rust hat es auf ein eigenes Schild gebracht, das mit Achterbahnschleifen und großer Eurosat-Kugel für einen Abstecher in den Freizeitpark wirbt.

Was genau aufs Schild kommt, ist oft eine Frage des Blickwinkels auf die Besonderheiten der Region – und der Kreativität, wie das Thema Thermalbäder in Südbaden zeigt: Der blecherne Hinweis auf die Badenweiler Therme gibt großmütig dem Historischen den Vorzug und zeigt besonders prominent die Ruine Badenweiler, während eine Wasserfontäne als Symbol für die Therme nur winzig am unteren Schildrand zu entdecken ist. Ganz anders das Schild "Thermen Bad Bellingen". Groß prangt ein grafisch-streng sprudelnder Brunnen auf der großen Tafel und sogar die Temperatur wird in großen Lettern angegeben: 34 Grad.

Die erste Tafel wurde 1983 an der A 8 bei Stuttgart aufgestellt, angeregt durch die Franzosen, die bereits einige Jahre Erfahrung hatten. Sie lenkte die Aufmerksamkeit der Autofahrerinnen und Autofahrer auf Burg Teck. Anfangs durften solche Schilder maximal alle 20 Kilometer erscheinen und ausschließlich auf von der Autobahn aus sichtbare bedeutsame Kultur- oder Baudenkmäler oder Landschaften verweisen. Inzwischen sind die Behörden eben großzügiger.

Und was heisst hier bedeutsam?

Bettina Harms arbeitet bei der Niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr und ist für sechs Autobahnabschnitte im Raum Oldenburg zuständig. Beantragt jemand ein neues Schild, greift Harms zu den "Richtlinien für die touristische Beschilderung" und klärt zunächst, ob es sich um ein touristisch bedeutsames Ziel handelt.

Dazu zählen Unesco-Welterbestätten, Kultur- und Baudenkmäler, Naturparks, aber auch Kriegsgräberstätten und eben Freizeitparks. Das Ziel darf nicht weiter als zehn Kilometer Luftlinie von der nächsten Anschlussstelle entfernt sein. Zwischen zwei Anschlussstellen möchte Harms nicht mehr als zwei braune Schilder sehen, wobei der Abstand mindestens 1000 Meter betragen soll – eine von vielen Bestimmungen in den Richtlinien.

Meist sind die Schilder im Querformat. Doch wenn gleich Berg und Schloss darauf passen sollen, kann es auch ins Hochformat gehen wie beim Hinweis auf das "Geotop Isteiner Klotz – Historisches Istein" oder im Rheinland auf dem Schild zum Weltkulturerbe Kölner Dom.

Sich vom Kuriosen auf Abwege bringen lassen

Wer aufmerksam durch die Lande fährt, entdeckt auch kürzere Abstände zwischen den Schildern. Und neben den Farben Braun und Weiß, die eigentlich nur zulässig sind, auch mal eine Möwe oder einen Schmetterling in Blau. Wenn es darum geht, die Aufmerksamkeit der Autofahrer zu gewinnen, sind die Antragsteller erfinderisch.

Und längst sind es eben nicht nur kulturhistorische Denkmäler und landschaftliche Reize, auf die hingewiesen wird. Auch touristische Attraktionen dürfen nicht fehlen. Der Fernweh-Park Oberkotzau, an der A 9 im oberfränkischen Landkreis Hof gelegen, weist seit Januar 2020 mit einem entsprechenden Schild auf seine große Ausstellung hin – Ortsschilder aus aller Welt. So führt ein Schild gleich zu noch mehr Schildern.

Selbst wenn sich der touristische Nutzen kaum in handfesten Zahlen messen lässt, werden überall in Deutschland weitere Schilder hinzukommen – und nicht immer erschließt sich allen der Sinn. "Das ist wirklich teils so Klein-Klein, dass man sich fragt: Ist das nötig?", sagt Tourismusforscher Groß.

Zugleich räumt er als "Fan regionaler Spezialitäten" aber ein, dass auch er nur dank eines großen braunen Schildes auf die "Thüringer Kloßwelt Heichelheim" aufmerksam wurde. Und so werden diese Tafeln auch in Zukunft immer wieder mal die Reiseplanung beeinflussen. Oder doch wenigstens kleine Wissenslücken schließen.
Buchtipp: Sehenswürdigkeiten entlang der Autobahn, Bassermann Verlag, 2014, 352 Seiten, 7,99 Euro