Stellenspezial Gesundheit

Revolution mit Sprengkraft Digitalisierung des Gesundheitswesens

kna

Von kna

Fr, 08. November 2019 um 14:30 Uhr

Anzeige Die Bundesregierung hat Anfang Juli das Digitale-Versorgung-Gesetz beschlossen. Es soll sicherstellen, dass digitale Anwendungen und Apps schnell und sicher in die Patientenversorgung kommen.

Die Digitalisierung gewinnt im Gesundheitswesen an Bedeutung. Dabei stellen sich ethische Fragen mit neuer Dringlichkeit. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) nennt Aspekte bei der Entwicklung.

» Was sieht das Gesetz vor?
Es erhöht den Druck auf Ärzte, sich an die digitale Infrastruktur anzuschließen. Außerdem sollen anerkannte Apps wie Tagebücher für Diabetiker und Migränepatienten ab 2020 auf Rezept verordnet werden können; Impfausweise oder Mutterpässe sollen digital abrufbar sein. Außerdem sollen sich Daten der Patienten in absehbarer Zeit in einer elektronischen Patientenakte speichern lassen. Und auch die Videosprechstunde soll Alltag werden.

Wo macht sich die

Digitalisierung bemerkbar?

Grundpfeiler der Digitalisierung sind die Einführung einer elektronischen Patientenakte (Epa) und der Aufbau sicherer Datenverbindungen zwischen den Akteuren des Gesundheitswesens.

» Was ist eine

elektronische Patientenakte?
Bereits seit 2015 ersetzt die mit einem Chip versehene Gesundheitskarte beim Arzt- und Zahnarztbesuch die Krankenversichertenkarte. Sie ist der Schlüssel für die elektronische Patientenakte, in der Befunde, Diagnosen, Impfungen, Medikationspläne oder Notfalldaten ebenso gespeichert werden sollen wie vom Patienten selbst erhobene Daten, etwa per Gesundheitsapp ermittelte Blutdruck- oder Zuckerwerte. Durch die Speicherung der Gesundheitsdaten an einem Ort sollen Kosten gespart, Informationsverluste verhindert, Doppeluntersuchungen vermieden und Bürokratie abgebaut werden. Spätestens ab 2021 müssen die gesetzlichen Krankenkassen ihren Versicherten eine solche Patientenakte anbieten.

» Warum dauert die

Einführung so lange?
An der Epa wird in Deutschland schon 15 Jahre gearbeitet. Umstritten war, welche Informationen wie gespeichert werden und wer Zugriff hat. Der Patient kann seine Patientenakte jederzeit allein einsehen, inhaltlich befüllen oder Inhalte löschen. Er entscheidet, wer auf seine Akte zugreifen kann. Der Arzt greift grundsätzlich gemeinsam mit dem Patienten auf dessen Epa zu. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat eingeräumt, dass es in der Anfangsphase technische Einschränkungen beim Datenschutz gibt. Anders als geplant, werde es für Patienten am Anfang nicht möglich sein, auszuwählen, welche ihrer persönlichen Informationen ein Arzt, Apotheker oder Therapeut einsehen darf. So werde beispielsweise ein Physiotherapeut auch über den Schwangerschaftsabbruch einer Patientin informiert.

Was bedeutet die

Telematikinfrastruktur?
Die Telematikinfrastruktur, eine Datenautobahn für das Gesundheitswesen, soll Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser, Apotheken und Krankenkassen miteinander vernetzen. Medizinische Informationen sollen so schneller und einfacher verfügbar sein. Seit Dezember 2017 wird die Telematikinfrastruktur bundesweit eingeführt. Arztpraxen mussten bis Ende Juni angeschlossen sein; wer dazu nicht bereit ist, muss mit Sanktionen rechnen. Apotheken müssen sich bis Ende September 2020 und Krankenhäuser bis Januar 2021 anschließen lassen. Hebammen und Physiotherapeuten sowie Pflegeeinrichtungen können sich freiwillig an die besonders gesicherte Datenautobahn anschließen.

» Onlinebehandlungen

rücken näher.

Im Mai 2018 hat der Deutsche Ärztetag grünes Licht für die ausschließliche Fernbehandlung von Patienten per Internet, Video-Sprechstunde oder Telefon gegeben. Auf diese Weise sollen medizinisch unterversorgte Gebiete besser an die medizinische Versorgung angeschlossen und Kosten gespart werden.

Die Digitalisierung birgt

Chancen und Risiken. Warum?
"Daten retten Leben", sagt der Berliner Krebsforscher Roland Eils. Die Verfügbarkeit riesiger Datenmengen und hohe Rechenleistung erlaubten die Bildung von Algorithmen, mit deren Hilfe individuelle Krankengeschichten frühzeitig analysiert und Medikamente individuell zugeschnitten werden können. Vor allem die Krebsmedizin nimmt derzeit eine Vorreiterrolle beim Einsatz künstlicher Intelligenz in der Medizin ein. So wurden bei einem Masterprogramm zur Krebsgenomanalyse in Heidelberg inzwischen 50 000 Proben von Tumorpatienten sequenziert und analysiert. Das erlaubt eine zielgenauere Behandlung, etwa durch neuartige Medikamente.

» Wo liegen potenzielle

ethische Probleme?
Die neue datenbasierte Medizin birgt enorme soziale Sprengkraft. Da nur große Gesundheitskonzerne so riesige Datenmengen auswerten können, drohen Monopole. Weil künftige Medikamente individuell zugeschnitten werden und nicht für den Massenmarkt taugen, drohen enorme Preise. Ein weiteres Problem ist der Umgang mit Daten: Da Konzerne mit Gesundheitsdaten viel Geld verdienen, ist die Frage, ob Patienten Verfügungsrechte über ihre Daten haben und an einer Verwendung mitverdienen. Zudem könnte das Bekanntwerden persönlicher genetischer Daten Probleme gegenüber Arbeitgebern oder Versicherungen auslösen. Die Frage ist, wie sicher die Telematikinfrastruktur gegenüber Hackern ist. Schon heute führen genetische Bluttests auf Down Syndrom in der Schwangerschaft für manche Eltern zu schwierigen Entscheidungssituationen. Werden sich solche Fragen künftig häufiger stellen?

Da die Entzifferung der individuellen Erbinformationen immer billiger und schneller durchgeführt werden kann, wird das Wissen über potenzielle Krankheiten und die genetische Ausstattung jedes Menschen zunehmen. Eltern werden zunehmend Wissen darüber erlangen, ob ihr ungeborenes Kind bestimmte Krankheiten oder Fähigkeiten haben wird. Auch für bereits geborene Menschen wird sich vieles ändern: Da die künftige Medizin mehr auf Vorbeugung setzen wird, werden Patienten möglicherweise schon Jahrzehnte vor einer potenziellen Erkrankung von ihren Gesundheitsrisiken erfahren, der Begriff von Gesundheit und Krankheit wird sich stark verändern.

Weitere Infos auf der Seite des Bundesgesundheitsministeriums unter mehr.bz/vorsorge