Revolution und Selbstbestimmung

Gabriele Zahn

Von Gabriele Zahn

Mo, 17. Februar 2020

Waldkirch

Vorstellung des Buches "Revolutionäre Jahre auf dem Land", in dem zwei Beiträge aus dem Elztal enthalten sind.

ELZTAL. Letztes Jahr brachte Andreas Morgenstern im Verlag Regionalkultur "Revolutionäre Jahre auf dem Land – Vom Kriegsende 1918 zur Weimarer Republik in Mittel- und Südbaden", Band 5, der Reihe "Lebenswelten im ländlichen Raum – Historische Erkundungen in Mittel- und Südbaden", heraus. Das Buch enthält zwei Beiträge aus dem Elztal: Johannes Maier schrieb über den Waldkircher Rechtsanwalt Erwin Cuntz und Heiko Haumann über die "Fasnetrevolution" in Elzach.

In der Endphase des 1. Weltkriegs kam es 1918/19 in Deutschland zur Novemberrevolution mit Sturz der Monarchie. Dies führte zur Umwandlung des Deutschen Reiches in eine parlamentarische Demokratie, die Weimarer Republik. Die Ursachen der Revolution lagen in der extremen Kriegsbelastung, sozialen Spannungen und dem Reformunwillen der Eliten.

Die Beiträge im Buch "Revolutionäre Jahre auf dem Land" beschäftigen sich mit den Lebenssituationen der Bürger in der Region Schiltach-Elztal-Lahr. Ein Beitrag zeigt auf, welche Reglementierungen bei der Produktion von Lebens- und Futtermitteln befolgt werden mussten und welche Sorgen die Hofbesitzer hatten. Ein anderer beschäftigt sich mit dem Lehrer Bernhard Falk aus Kappelwindeck, der als Kriegsteilnehmer vom Zweck des Kampfes überzeugt war. In einem weiteren Beitrag wird dargelegt, dass zurückgekehrte und wieder genesene Soldaten maßgeblich an den Gründungen vieler Fußballvereine mitwirkten. Auch wenn die Revolution für die ländliche Bevölkerung weit weg in Berlin und anderen großen Städten war, wurden in vielen Orten Räte gegründet wie in Schiltach der Volksrat oder in anderen Orten ein Arbeiterrat. Diese Räte sahen ihre Aufgabe vor allem in der Lösung lokaler Probleme. Auch in Waldkirch wurde ein Arbeiterrat gebildet, dessen Versammlungen im oberen Elztal auf Resonanz stießen und die Gründung von Bauern-, aber keine Arbeiterräte zur Folge hatte. Nur in Elzach wurde kein solcher Rat gebildet. Heiko Haumann schreibt in seinem Beitrag, dass in Elzach keine revolutionäre Stimmung zu bemerken gewesen sei, stattdessen sehnte man sich nach geordneten Verhältnissen und als Reaktion auf die jahrelangen Entbehrungen nach Vergnügungen.

In Elzach erwachte keine revolutionäre Stimmung

Dabei ging es nicht zuletzt um die Fasnet, die 1919 – als alles, was mit Fasnacht zusammenhing, verboten war – in geschlossenen Kreisen begangen wurde. 1920 kam es zum offenen Konflikt. Detailliert beschreibt Haumann, wie es zum Zusammenstoß von Schuttig mit einer 20 Mann starken Gendarmerie aus Waldkirch kam, und wie dieser Konflikt seitens der Schuttig gelöst wurde. Nachdem die Staatsmacht abgezogen war, feierten sie ihren Sieg und eine fröhliche Fasnacht.

Während die Elzacher sich nicht von ihrer Lebensart abbringen ließen, folgte Rechtsanwalt Erwin Cuntz seinem Gewissen. Cuntz war 1878 in Heidelberg geboren und lebte von 1910 mit Unterbrechungen bis 1935 in Waldkirch. Als Kind empfand Cuntz Scham, als er beim Soldatspielen die "niedergemähten, toten Kameraden" betrachtete. Mit 19 Jahren trat er in die Deutsche Friedensgesellschaft ein. Johannes Maier, dessen Beitrag im Wesentlichen auf dem Aufsatz von Manfred Bosch beruht, beschreibt, wie das Interesse von Cuntz schon früh über das Nationale hinaus ging. Mit 21 Jahren trat Cuntz aus der Badischen Landeskirche aus. Als begeisterter Anhänger von Leo Tolstoi folgte er dem eigenen Gewissen als letzte Instanz, er verfasste Schriften wie "Das Idealwahlsystem" und "Antikratie", wurde Mitbegründer der "Freiburger Freien Studentenschaft" und beteiligte sich an einem Zirkel, der immer wieder den Zusammenhang von Schul- und Gesellschaftsreformen erörterte.

1914 wurde Cuntz in ein badisches Infanterie-Regiment eingezogen. Im Jahr darauf brach für ihn eine Welt zusammen, als seine Frau als Spätfolge des Wochenbetts starb. Daraufhin verfasste er einen "Aufruf gegen den Krieg". Später meinte Cuntz: "Meines Erachtens ist es die Pflicht des guten Bürgers, den schlechten Gesetzen den Gehorsam zu verweigern." Maier beschreibt, wie Cuntz unermüdlich versuchte, auf die Gesellschaft Einfluss zu nehmen. So setzte er sich ein, für Frauenstimmrecht, Mutterschutz, Kriegsdienstverweigerung, Tierschutz und vieles mehr. Ihm gelang es auch, trotz der Bedingungen des Nationalsozialismus weder der NSDAP beizutreten, noch sich in der Berufsorganisation des NS-Rechtswahrerbundes erfassen zu lassen.

Drei Beiträge des Buches befassen sich mit der Geschichte in Lahr: Dem Krisenjahr 1923, dem Populismus als politisches Mittel und einem Zeitzeugenbericht zur Revolution. Ein weiterer mit dem Kriegerkreuz auf dem Schrofen bei Schiltach. Ausführlich geht Autor und Herausgeber Andreas Morgenstern auf die Veränderung der Bedeutung des Kriegerkreuzes für die Bevölkerung ein.

Info: Das Buch "Revolutionäre Jahre auf dem Land - Vom Kriegsende 1918 zur Weimarer Republik in Mittel- und Südbaden" erschien 2019 im "Verlag Regionalkultur". Herausgeber Andreas Morgenstern, ISBN 978-3-95505-157-0, 208 Seiten, 18,90 Euro.