Zeitgeschichte

Im Hotzenwald-Dorf Hütten war einst jeder fünfte Einwohner ein Flüchtling

Wolfgang Adam

Von Wolfgang Adam

Mo, 12. August 2019 um 11:28 Uhr

Rickenbach

Vor 70 Jahren hatte die damals noch selbstständige Gemeinde Hütten eine Herkulesaufgabe zu stemmen: 1949 kamen Flüchtlinge aus dem Osten in den Hotzenwald – in großer Zahl.

Vor 70 Jahren war der Sommer auch in ländlichen Gebieten überschattet vom anhaltenden Versorgungsmangel und vom niedrigen Einkommen der Nachkriegsjahre. Die Hotzenwald-Bewohner wurden ab dem Jahr 1949 erstmals auch mit der großen Aufgabe der Unterbringung von Flüchtlingen konfrontiert.

In der nach dem neuen Grundgesetz konstituierten Bundesrepublik einigten sich die Bundesländer auf einen Flüchtlingsausgleich, der die mit besonders vielen Flüchtlingen konfrontierten Länder Bayern und Niedersachsen entlasten sollte. Nach dieser Neuregelung wurden viele Vertriebene aus Ostpreußen, Danzig und Pommern erstmals auch nach Südbaden eingeteilt und kamen somit auch auf den Hotzenwald.

Die letzten dänischen Lager waren aufgelöst worden

Ihre Zahl hatte sich nach der 1949 erfolgten Auflösung der letzten dänischen Lager für vertriebene Menschen erhöht. Welche Aufgaben damit für die Bürgermeister der Region entstanden, schilderte der im Jahr 2015 verstorbene Altbürgermeister Fridolin Thoma für Hütten – heute ein Ortsteil von Rickenbach – in einem Erinnerungsband.

Bis 1951 wurde die Flüchtlingsunterbringung zu einer der Hauptaufgaben des Hüttener Bürgermeisters, der 1948 als Kriegsheimkehrer im Alter von nur 28 Jahren als jüngster "Bürgi" im damaligen Landkreis Säckingen gewählt worden war. In seinen Memoiren schrieb Thoma: "Sie kamen ohne großes Gepäck und schubweise an. Ihre Zahl erreichte 1951 den Höchststand von 49 bei einer Gesamteinwohnerzahl von 256, das hieß, jeder fünfte Bewohner von Hütten war ein Flüchtling."

15 Menschen in drei Bauernhäusern untergebracht – an einem Tag

Obwohl ihm polizeiliche Befugnisse zur Einweisung in die erforderlichen Wohnräume zur Verfügung standen, suchte das junge Gemeindeoberhaupt stets den Weg einer gütlichen Einigung zur Bereitstellung von zusätzlichem Lebensraum. Dazu heißt es in dem Band: "Ich entsinne mich noch an einen Tag, an dem ich mich bis zum Abend so heiser geredet hatte, dass ich nicht mehr sprechen konnte. Es mussten drei Familien mit 15 Personen in drei Bauernhäuser untergebracht werden." Erschwert wurde der Auftrag, die Flüchtlinge unterzubringen, durch die oft noch sehr eingeschränkten, einfachen Wohnverhältnisse. Es gab nur wenige in Frage kommende Wohnungsräume mit eigener Küche.

"Ich selbst habe in unserem Haus im zweiten Stock eine Behelfsküche ohne Wasser eingerichtet", erinnert Thoma an diese schwierige Zeit. Letztlich aber konnte er dieses Fazit ziehen: "Alles in allem hat man aus der Not eine Tugend gemacht, ist zusammengerückt und hat sich vertragen. Ich wüsste nicht, dass ich in meiner Funktion als Schiedsmann bei Streitereien zwischen Fremden und Eingesessenen hätte eingreifen müssen."

"Schon nach zehn Jahren waren die meisten von unseren Flüchtlingen in die Industriestandorte abgewandert." Fridolin Thoma
In Erinnerung geblieben war Thoma aber auch diese Begebenheit: Seine Eltern hatten es bei der Flüchtlingsaufnahme mit einer resoluten Witwe aus dem Memelland zu tun, der es mit ihren zwei Mädchen am neuen Lebensort überhaupt nicht gefiel. Obwohl er dann eine alternative Wohnstätte in Rüttehof besorgen konnte, haderte sie noch mit ihrem Schicksal und äußerte sogar böse Wünsche gegenüber den amtlichen Helfern, zu denen auch der Leiter des damaligen Wohlfahrtsamtes im Säckinger Landratsamt gehörte.

Diesem bescheinigte Thoma indes einen rücksichtsvollen und noblen Umgang mit den vertriebenen Menschen und auch ein Gespür dafür, die aufnehmenden Gemeinden nicht zu sehr zu belasten.

Mit vier Mitarbeiterinnen bewältigte der Wohlfahrtsamtsleiter die im Kreis angefallenen Aufgaben. Bei der Verteilung der Flüchtlinge auf die einzelnen Gemeinden wurde das entlegene Gebiet des Hotzenwaldes hauptsächlich mit alten Leuten sowie mit Frauen und Kindern belegt. Erwerbsfähige und Arbeitssuchende wurden vorzugsweise den Stadtgebieten zugeteilt. "Schon nach zehn Jahren", so beendet Thoma seine Erinnerungen an die Unterbringungsarbeit, "waren die meisten von unseren Flüchtlingen in die Industriestandorte abgewandert".