Böses Erwachen statt großer Liebe

"Romance Scamming": Wie man Betrüger auf Singlebörsen erkennt

Markus Baier

Von Markus Baier

Mo, 01. März 2021 um 14:26 Uhr

Liebe & Familie

Die Sehnsucht nach der großen Liebe lässt Menschen manchmal sehr offenherzig und auch risikofreudig werden. Damit werden sie aber auch angreifbar. In zwei Fällen aus der Region verlieren Opfer Geld.

In der Anonymität der unübersichtlichen Weiten des Netzes tummeln sich Verbrecher, die auf finanzielle Bereicherung aus sind. "Romance Scamming" nennt sich diese Form des Betrugs. Auch am Hochrhein gibt es Opfer.

Ein Fall auf deutscher und einer auf Schweizer Seite zeigten jüngst, dass der Betrug im weltweiten Netz mehr als nur eine abstrakte Bedrohung ist. Im ersten Fall wurde eine 79 Jahre alte Seniorin aus dem Landkreis Waldshut Mitte Januar von einem skrupellosen Betrüger insgesamt um eine sechsstellige Summe betrogen, die sie ihm in gutem Glauben im Verlauf mehrerer Wochen überwiesen hat. Als die 79-Jährige schließlich die Polizei einschaltete, war das Geld weg. Es war auf andere Konten transferiert worden.

Fast zeitgleich wurde im Kanton Schaffhausen ein ähnlicher Fall bekannt. Hier ergaunerte ein "Scammer" unter Vorspiegelung großer Gefühle von seinem Opfer mehr als 20.000 Franken. Skeptisch wurde die Frau erst, als ihr Gegenüber weitere 18.000 Franken erbat.

Hinter "Romance Scamming" stecken häufig professionelle Strukturen, mit denen Identitäten erfunden werden. Das gilt auch für den Geld-Transfer. "Die Betrüger bedienen sich hier lebende Bürger, die über ihr Konto die ergaunerten Gelder ins Ausland transferieren", sagt Mathias Albicker, Polizei-Pressesprecher. All das gestalte die Ermittlung in solchen Fällen schwierig. Hinzu kommt der Faktor Scham – auch Angst vor der Reaktion des Umfelds. Dies führe dazu, dass "Romance Scamming" häufig nicht aktenkundig werde. Im Zeitraum 2014 bis 2019 wurde im Kreis Waldshut nur ein Fall angezeigt. Der Fall von Mitte Januar ist noch nicht in der Statistik erfasst.

Albicker empfiehlt ein gesundes Maß an Misstrauen. Grundsätzlich sollte man Menschen, die man nie persönlich kennengelernt oder gesehen hat, kein Geld überweisen oder auf sonstige Forderungen eingehen. Als Faustregel gilt: Angebote, die unglaublich klingen, sind es in der Regel auch. Das gelte für die Partnersuche ebenso wie auf dem Wohnungsmarkt. Hellhörig werden sollte man grundsätzlich bei allzu verlockenden Versprechungen, die überrumpelnd daherkommen.

Tatsächlich kann es bereits erste Anhaltspunkte bieten, wenn man den Namen der Internetbekanntschaft mit dem Zusatz "Scammer" bei einer Suchmaschine eingibt, so Albicker: "Falls Sie ein Bild mitgeschickt bekommen haben, können Sie mithilfe der umgekehrten Bildersuche zusätzliche Informationen erhalten." So lässt sich herausfinden, ob es sich bei der gezeigten Person etwa um ein Model handelt. Scammer fischen sich gerne entsprechende Bilder aus dem Internet.

Weibliche Scammer locken mit aufreizenden Fotos

Es ist außerdem sinnvoll, für Online-Kontaktbörsen oder für den digitalen Schriftverkehr mit einem Unbekannten eine alternative E-Mail-Adresse zu benutzen. So lässt sich verhindern, dass im Fall eines Betrugs der Hauptmailaccount gelöscht werden muss.

Nach Erkenntnissen der Polizei gibt es weitere Faktoren, die skeptisch machen sollten. Oft dient eine knappe Mail in englischer Sprache mit einer Einladung zum Chat als Lockmittel. "Da die Betrüger oft mit deutschen Mailadressen arbeiten, ist selten ersichtlich, dass sich hinter den netten Zeilen ein Scammer verbirgt", sagt Albicker.

Von Chat-Pseudonymen mit ungewöhnlichen Zeichen (Prozentzeichen) sollte die Finger gelassen werden, weil diese häufig mit ihren Nachrichten eine Software versenden, die dem Computer schaden kann. Die Betrüger kommunizieren meistens in gutem Englisch. Insider gehen davon aus, dass 95 Prozent der englisch sprechenden Kontakte auf deutschen Dating-Seiten Romance- oder Love-Scammer sind. Allerdings gebe es auch solche, die perfekt Deutsch sprechen.

Weibliche Scammer locken ihre Opfer mit aufreizenden Fotos. Männer benutzen häufig Fotos von Uniformierten. Freilich zeigen die Motive nicht das tatsächliche Gegenüber. "Scammer überhäufen ihre Opfer schon nach dem ersten Kontakt mit ellenlangen Briefen voller schwülstiger Liebesschwüre", so Mathias Albicker. Eine andere Masche geht in Richtung Seriosität. Dabei werden die Opfer nach Hobbys, religiösen oder politischen Überzeugungen oder den Lebensumständen ausgefragt. Es wird schnell ein enges Verhältnis erzeugt: "Die Scammer bezeichnen ihre neuen Partner schon bald als Ehemann oder Ehefrau und schmieden Heiratspläne." In diesem Zusammenhang kommen oft Themen wie ein Visum oder Finanzen ins Gespräch.

In den meisten Scamming-Fällen kommt irgendwann eine Verbindung nach Westafrika, Russland, Südostasien oder Südamerika zur Sprache. Das können bei Männern eine Geschäftsreise oder familiären Problemen sein. Weibliche Scammer geben häufig an, in einer dieser Gegenden zu leben.