Scheitert Baugebiet am Lärmschutz?

Dorothee Philipp

Von Dorothee Philipp

Fr, 13. Dezember 2019

Bad Bellingen

Diskussionen über "Weingarten" im Bad Bellinger Gemeinderat / Eine "Scheinfassade" stößt im Gremium auf Skepsis.

BAD BELLINGEN. Die Gesetzeslage ist eindeutig: Bevor der Lärmschutz nicht umgesetzt ist, darf ein Baugebiet nicht bebaut werden. Nachdem der Bad Bellinger Gemeinderat in seiner jüngsten Sitzung bei drei Enthaltungen die vom Vorhabensträger vorgeschlagene Lösung einer "Scheinfassade" abgelehnt hat, ist die Zukunft des Baugebiets "Weingarten" im Ortsteil Rheinweiler fraglicher denn je.

Die Stellungnahme des beauftragten öffentlich als Sachverständiger vereidigten Fachbüros für Umweltakustik Heine und Jud ist klar und unmissverständlich: "Wir bewegen uns hier im Schwellenwert der Gesundheitsgefährdung", erläuterte Thomas Heine die Grafiken zur Lärmemission. Vor allem der Bahnlärm ist an diesem exponierten Platz oberhalb der Bahnlinie der größte Faktor. Lärmschutzmaßnahmen zusammen mit der Bahn zu entwickeln sind nach Frank Edelmann, Geschäftsführer des Vorhabensträgers Rüdiger Kunst Kommunalkonzept GmbH, nicht realisierbar.

Auch wenn man eine "kleinere Lösung" als eine Planfeststellung in Betracht zieht, müsste zwischen Wand und Bahngelände ein Mindestabstand eingehalten werden, der an dieser Stelle aber wegen eines Wirtschaftswegs und bestehender Bebauung nicht erreicht werden kann. Ingenieurbüros, die in Zusammenarbeit mit der Bahn Planfeststellungsverfahren vorbereiten, hätten von dieser Möglichkeit auch deswegen abgeraten, weil allein das Verfahren mehr als drei Jahre dauern könne, erklärte Edelmann.

Die Lösung "Scheinfassade", die er dem Gremium als "schnellste und effizienteste Schutzmaßnahme" präsentierte, sieht so aus, dass zwischen den beiden als Schallschutz wirkenden dreigeschossigen Mehrfamilienhäusern im Westen des Baugebiets eine Wand aus transparenten Elementen gezogen wird. Eine Lösung, die vor allem in urbanem Umfeld eingesetzt werde, räumte Edelmann ein. Dörfliche Beispiele gebe es hier bisher nicht. Die Bilder, die er mitgebracht hatte, überzeugten das Gremium nicht. Für Gemeinderat Wolfgang Müller ist die "Scheinfassade" gar eine "Unverschämtheit" und eine "Scheinlösung".

Auch Bürgermeister Carsten Vogelpohl, der sich bei der Abstimmung enthalten hatte, ist skeptisch. "Wie so eine Scheinfassade aussieht, war für mich auch relativ neu", meinte er im Gespräch mit der BZ. In der Diskussion kritisiert wurde auch, dass die Glaswand den Schall reflektiert, was dann in die bebaute Umgebung abstrahlt. Und nicht zuletzt verhindert sie eine Durchlüftung des Wohnquartiers, das mit seiner exponierten Südwestlage einer intensiven Sonneneinstrahlung ausgesetzt ist. "Das ist das Ende des Baugebiets", kommentierte Edelmann das Abstimmungsergebnis und verließ den Ratssaal.

Das Knifflige an der derzeitigen Gemengelage ist, dass außer der Lösung mit der "Scheinfassade" für das Baugebiet "Weingarten" keine gangbaren Alternativen zum Lärmschutz aufgezeigt werden können. Bürgermeister Vogelpohl will sich aber mit dem Aus für das Baugebiet, in dem 58 Wohneinheiten in Einzel- und Doppelhäusern sowie den beiden als Schallschutz dienenden Mehrfamilienhäusern Platz gefunden hätten, noch nicht abfinden. "Die Gemeinde hat an dem Projekt grundsätzliches Interesse und wird in jedem Fall mit dem Vorhabensträger weiter das Gespräch suchen", sagte er der BZ.