Schlachtfest im Schwarzen Wald

Hans-Dieter Fronz

Von Hans-Dieter Fronz

Mo, 03. Mai 2021

Kunst

Das Museum für Neue Kunst in Freiburg zeigt Friedemann Hahn.

Seine häufig großformatigen pastosen Gemälde wirken wie impulsiv auf die Leinwand geworfen. So dass man durchaus versucht sein könnte, Friedemann Hahn einen Neuen Wilden zu nennen. Was ihn von der Kunstrichtung abhebt, die sich Ende der Siebziger- und Anfang der Achtzigerjahre etablierte, ist die malerische Delikatesse seiner Bildschöpfungen. Hahn ist mehr und anderes als der Künstler, den man kennt. Er ist leidenschaftlicher Leser und Schriftsteller. 2016 erschien von ihm ein Gedichtband, zwei Jahre später ein Kriminalroman. In die Bilder und Bücher finden wesentliche Facetten der Person Friedemann Hahn Eingang – wie eine Faszination für die düsteren Seiten des Menschseins.

Woher sonst rührt seine Leidenschaft fürs Kino, für den Film noir zumal? Und seine Faszination für Gewaltszenen? Vielleicht hat er seinen Krimi nur deshalb geschrieben, weil ihm das Rüstzeug des Regisseurs fehlte. Des Splatterfilmers, um genau zu sein, lautet eine Kapitelüberschrift doch "Massaker" und lesen wir in einer Verlagsreklame: "In einem abgelegenen Wirtshaus im Schwarzwald zelebrieren Polizei- und Wehrmachtsveteranen ein blutiges Schlachtfest." Als Motto wählte Hahn jene Stelle aus der Offenbarung des Johannes, die von der Ankunft des Teufels auf Erden handelt. Demnach bekundet Satan "großen Zorn und weiß, dass er wenig Zeit hat".

Ja, es ist zum Fürchten, und passend dazu könnte man Hahns Leinwände selbst als Schlachtfeld bezeichnen. Allein mancher Motive und der aggressiven Pinselhiebe wegen, mit denen er seine Kompositionen förmlich zerstückelt. Wer sich für die Kunst und den Menschen dahinter interessiert, kann sich in einer Ausstellung des Museums für Neue Kunst in Freiburg ein Bild machen. Eine Auswahl von Werken im Besitz des Museums ergänzt die kleine Schau um Leihgaben des Künstlers. Die italienische Bezeichnung für den Schwarzwald "Foresta Nera" gab neben dem Kriminalroman und der Ausstellung auch einer Reihe von Bildern den Titel.

Ungewöhnlich ist die Präsentation. In einem Raum der ständigen Sammlung lehnen die meisten Gemälde auf Tischen, an Wänden oder Stellwänden. Auf den Tischen liegt neben Gedichtband und Krimi eine Reihe von Katalogen. Der zu einer Ausstellung in der Kunsthalle Gießen 1995 mit dem bezeichnenden Titel "Melancholie und Blutbad" fehlt. Dafür ist das Gemälde "Black Dahlia" ausgestellt. Es verweist auf einen der schrecklichsten Mordfälle in den USA: die bestialische Folterung, Ermordung und Zerstückelung einer schönen jungen Frau, genannt "Black Dahlia". James Ellroy schrieb einen Roman über den Fall, Brian de Palma verfilmte die Geschichte. Bei Hahn wecken allenfalls der ernste Blick der Frau und die dunkle Farbpalette düstere Assoziationen. Thematisch verwandt mit dem Gemälde ist das großformatige Ölbild "Martyre".

Direkt neben "Black Dahlia" platziert die Schau das Gemälde "Der Tod des Malers" von 2020. "Glauser" – der Titel bezieht sich auf den Schweizer Krimiautor Friedrich Glauser – verrät das Interesse des Malers an gesellschaftlichen Außenseiter und für seelische Gefährdung. Von besonderer Qualität sind drei Landschaftsbilder: "Bergsee", "Foresta Nera" und "Lichtung nach E. L. Kirchner". Wie "Glauser" führen sie, durch Bindestrich abgesetzt, den Zusatz "Friedemann Hahn" im Titel: Indiz und Beleg dafür, dass diese Bilder die Essenz des Malers enthalten.

Museum für Neue Kunst, Freiburg,

Marienstraße 10a. Bis 29. August, Di bis So 10-17 Uhr, Do bis 19 Uhr.