"Mundart ist ein Gewinn"

Das Gespräch führte

Von Das Gespräch führte

So, 07. April 2019

Schopfheim

Der Sonntag Interview mit Markus Manfred Jung, der kommende Woche die 31. Internationale Schopfheimer Mund-Art-Literatur Werkstatt leitet.

Vom 12. bis zum 14. April geht in Schopfheim, Weil und Basel die mittlerweile 31. Internationale Mund-Art-Literatur-Werkstatt über die Bühne. Im Interview erklärt Initiator Markus Manfed Jung, warum "Heimatland" Fluch und Segen sein kann.

Der Sonntag: Herr Jung, bei Mundart denkt man hierzulande zunächst an das südbadische Alemannisch, doch Sie haben auch Autoren aus dem Schwäbischen, dem Vorarlberg und der Schweiz eingeladen. Was verbindet sie?

Gemeinsam ist, dass die Mundart eine ganz eigene Poesie hat, eine eigene Tradition und auch einen eigenen Wortschatz. Und dass jeder seine Mundart natürlich für die schönste Sprache der Wet hält. Die meisten Menschen verbinden mit Mundart nach wie vor ihre Kindheit und ihre ersten Spracherfahrungen und damit hat die Mundart auch eine hohe gefühlsmäßige Komponente. Es ist interessant zu sehen, wie andere damit literarisch umgehen.

Der Sonntag: Mundart und Literatur, da scheint der Ruf nach Hebel geradezu ein Reflex zu sein. Was setzten Sie dem entgegen?

Der Bezug zu Hebel tut uns gar nicht weh. Er war ein großartiger Dichter von Weltrang und auch von seinen liberalen und weltoffenen Einstellungen ein Vorbild, nur wurde er sehr oft idyllisiert und klein gemacht von den Epigonen der Nachzeit. Damit wollen wir eigentlich nichts zu tun haben. Vielmehr wollen wir davon profitieren, dass beispielsweise in der Schweiz der Dialekt ganz anders dasteht. Dort ist die Mundart tatsächlich noch die Sprache der Jungen und damit auch sehr entwicklungsstark. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass sie Dinge von Außen aufnehmen kann.

Der Sonntag: Ist die zumindest gefühlte Rückwärtsgewandtheit ein Problem, mit der die Mundart hierzulande zu kämpfen hat?

Der Mundart-Dialekt wird seit rund 200 Jahren totgesagt und lebt immer noch sehr kräftig. Aber es müssen auch neue Wege gefunden werden, junge Menschen anzusprechen. Deswegen gehen wir auch mit drei Aktionen in die Schulen.

Der Sonntag: Gerade in der Schule, wo das makellose Hochdeutsch gefördert wird, hat die Mundart ja einen schweren Stand...

Wir versuchen zu zeigen, dass es ein großer Gewinn ist und kein Verlust, wenn man in Mundart aufgewachsen ist und die Fähigkeit hat, auf diese Sprachstufe umzuschalten. Dieser Minderwertigkeitskomplex kommt noch von früher, als es Menschen gab, die wirklich nur Mundart gesprochen haben. Das aber hat sich überlebt. Neben dem Hochdeutschen und dem Dialekt beherrschen die meisten Menschen heute ja mindestens noch eine zusätzliche Fremdsprache.

Der Sonntag: Verleiht die allgegenwärtige Stärkung des Regionalen auch der Mundart wieder Aufwind?

Ich gebe Ihnen da eine zwiespältige Antwort. Einerseits: ja. Dass man despektierlich auf die Mundart schaut, das hat mit Sicherheit nachgelassen. Dazu haben auch ausgezeichnete Dichter, Slam-Poeten und Musiker beigetragen. Auf der anderen Seite nimmt der Gebrauch schon ab, denn die meisten Menschen nutzen die Mundart nur noch im Privaten und das reicht natürlich nicht aus, um die Mundart auf Dauer lebendig zu halten. Aber das Selbstbewusstsein steigt, dazu tragen auch Mundart-Sprecher bei, die eine Vorbildfunktion erfüllen und Gescheites sagen.

Der Sonntag: Die diesjährige Werkstatt-Reihe trägt den Titel: "Heimatland! – Fluch oder Segen". Wo verläuft die Trennlinie?

Das Heimatland ist ja zunächst ein positiv besetzter Begriff, mit einem Ausrufezeichen aber wird er zu einem Fluch. Für Poeten ist es eine wunderbare Aufgabe, hinter diese Feinheiten zu schauen. Aber das Ganze hat natürlich auch eine politische Dimension, denn der Heimatbegriff wird immer wieder inflationär und auch missbräuchlich verwendet.

Das Gespräch führteJulia Jacob
Mund-Art-Werkstatt 12. bis 14. April. Freitag, 20 Uhr,Lesung im Stapflehus in Altweil, Samstag, 20 Uhr, Lesung in Sankt Agathen in Schopfheim-Fahrnau, Sonntag, 11 Uhr, Bibliothek der Allgemeinen Lesegesellschaft Basel. Mit dabei sind der Schwabe Olaf Nägele, der Vorarlberger Martin Lukas Blum, die Schweizer Poetry-Slammerin Daniela Dill und das Liedermacher-Duo Martin Lutz & Karl David aus Neuenburg am Rhein.