Pandemie in Deutschland

Schulen und Kitas öffnen ab Montag – dritte Corona-Welle befürchtet

dpa, Stephanie Streif & Klaus Riexinger

Von dpa, Stephanie Streif & Klaus Riexinger

So, 21. Februar 2021 um 17:03 Uhr

Südwest

Nach wochenlanger Abwärtsbewegung steigen die Corona-Zahlen wieder. Entsprechend wachsen die Sorgen bei jenen, die die Grundschul- und Kita-Öffnungen in mehreren Ländern skeptisch sehen.

Die Sorge vor einer dritten Corona-Welle in Deutschland wächst. An diesem Montag kehren in zehn weiteren Bundesländern – darunter auch Baden-Württemberg – viele Kinder in Kitas und Grundschulen zurück. Zeitgleich zeigt die Kurve der Neuinfektionen erstmals seit Wochen wieder nach oben - trotz des seit Mitte Dezember geltenden strengen Lockdowns. Bildungsgewerkschaften warnen vor Gesundheitsgefahren. Auf der anderen Seite wird auf negative Folgen für Kinder und Eltern verwiesen, sollten die Einschränkungen an Kitas und Schulen noch länger dauern.

Am Wochenende verdichteten sich die Anzeichen dafür, dass Grundschullehrer und Kita-Beschäftigte in der Impfreihenfolge nach vorne rutschen könnten. Mehrere Ländervertreter, Gesundheitsminister Jens Spahn und Bildungsministerin Anja Karliczek (beide CDU) befürworten das. An diesem Montag könnte bei einer Schaltkonferenz der Gesundheitsminister der Länder eine entsprechende Grundsatzentscheidung fallen, kündigte Baden-Württembergs Ressortchef Manne Lucha (Grüne) an. Praktisch umgesetzt werden müsste der Schritt über eine Änderung der Corona-Impfverordnung durch das Bundesgesundheitsministerium.



Die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland stieg sowohl am Samstag als auch am Sonntag im Vergleich zum Vorwochenende an. Das Robert Koch-Institut (RKI) meldete am Sonntag 7676 neue Fälle binnen eines Tages, 1562 mehr als am vergangenen Sonntag. Auch die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz, welche die Zahl der Ansteckungen pro 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche angibt, erhöhte sich auf bundesweit 60,2 im Vergleich zu 57,8 am Vortag. Gemeldet wurden 145 Todesfälle binnen 24 Stunden. Am vergangenen Sonntag waren es 218. Experten führen den Anstieg vor allem auf die Ausbreitung deutlich ansteckenderer Virusvarianten zurück.

Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach schrieb bei Twitter: "Die 3. Welle beginnt jetzt. Die Frage ist nur, wie schnell und wie stark." RKI-Präsident Lothar Wieler rief die Menschen zum Durchhalten auf: "Falsche Versprechungen helfen niemandem, und es ist ganz einfach so, dass wir diese Maßnahmen, die wir kennen, dass wir die eine gewisse Zeit noch durchhalten müssen", sagte er am Samstag bei einer im Internet übertragenen Diskussionsrunde des Bundesgesundheitsministeriums. Spahn sprach von einer echt schwierigen Phase der Pandemie. Alle seien nach zwölf Monaten müde. Es sei die Erwartung da, dass es mit gesunkenen Neuinfektionszahlen auch wieder ein Stück rausgehe aus den Beschränkungen.

"Die Befürchtung ist, dass wir am Beginn einer neuen Welle stehen" Hartmut Hengel
"Die Befürchtung ist, dass wir am Beginn einer neuen Welle stehen", sagte der Freiburger Virologe Hartmut Hengel der Badischen Zeitung. Ob sie tatsächlich komme, könne aber niemand hundertprozentig vorhersagen. Was man aber sagen könne, so Hengel, ist, dass "wir mit der B.1.1.7-Variante aus England vor einer neuen Phase in der Auseinandersetzung mit dem Virus" stehen. Diese Variante gilt als deutlich ansteckender als die Ursprungsform des Virus.

Die Corona-Lage ist regional auch innerhalb der Bundesländer sehr unterschiedlich. In Bayern etwa lag im Landkreis Donau-Ries im Westen die Sieben-Tage-Inzidenz laut RKI am Sonntag bei 16,4, im Nordosten im Landkreis Tirschenreuth an der tschechischen Grenze dagegen bei 358,1. In Norddeutschland hat Flensburg mit stark gestiegenen Zahlen zu kämpfen. Deshalb gelten dort seit dem Wochenende nochmals verschärfte Corona-Maßnahmen - unter anderem nächtliche Ausgangsbeschränkungen.

Der Molekularbiologe und Teilnehmer an Expertenrunden der Bundesregierung, Rolf Apweiler, sprach am Sonntag in der Welt von zwei gegenläufigen Entwicklungen. Die alten Virusvarianten hätten zu einer Senkung der Inzidenz geführt. Dort, wo neue Virusvarianten schon dominierten, gingen die Zahlen aber nach oben. "Wenn man da nicht überall in diesen Gegenden, wo es wirklich stark ansteigt, richtig auf die Bremse tritt, wie in Flensburg, dann fliegt die Lage einem um die Ohren. Das ist einfach so. Das kann man nicht mehr wegleugnen."

Mit Blick auf die Schul- und Kita-Öffnungen warnte der Verband Bildung und Erziehung (VBE) vor einem Öffnungswettbewerb zwischen den Ländern. "Die Öffnungen sind kein Wettbewerb, bei dem das Bundesland gewinnt, das die weitgehendsten Lockerungen umsetzt und die Gesundheit aller Beteiligten maximal riskiert", sagte VBE-Chef Udo Beckmann dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Die Länder, die jetzt ihre Schulen öffnen, gehen ein hohes Risiko - für die Gesundheit der Lehrkräfte, der Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern", sagte die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marlis Tepe, den Zeitungen der Funke Mediengruppe.



Beckmann begrüßte es, dass Grundschullehrkräfte voraussichtlich früher beim Impfen drankommen sollen. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, forderte in der Rheinischen Post, dies auch auf Lehrkräfte auszuweiten, die Abschlussklassen unterrichten. Für sie gab es zum Teil auch in den vergangenen Lockdown-Wochen in der Schule Unterricht.

Wenn Sandra Kieber, Schulleiterin der Freiburger Paul-Hindemith-Schule und geschäftsführende Schulleiterin für die Grundschulen in der Stadt, über den Schulstart spricht, dann zieht sie den Vergleich zu einem großen Puzzle: In den vergangenen Tagen habe man lange puzzeln müssen, um sowohl den Fernlern- und den Präsenzunterricht als auch die Notbetreuung zusammen zu bekommen. Besonders schwierig sei es für die Schulen, die viele Kinder in der Notbetreuung haben, denn die verschlinge viele personelle Ressourcen. Viel Organisation, für wenig Unterricht: An den meisten Grundschulen sind die Kinder aufgrund des Wechselmodells nicht länger als zehn Stunden in zwei Wochen in der Schule. Das stößt bei einigen Eltern auch auf Unverständnis.

David Weber, Schulleiter der Lörracher Albert-Schweitzer-Schule – die Schule ist eine dreizügige Gemeinschaftsschule mit Grundschule –, erzählt, dass ihn und sein Kollegium das Maskenthema vor dem Schulstart umtreibe. "Wir appellieren an unsere Grundschullehrkräfte, dass sie eine Maske im Unterricht tragen", sagt er. Müssen tun sie das nicht.

"Beide Berufsgruppen nehmen Aufgaben wahr, die für unsere ganze Gesellschaft von ganz großer Bedeutung sind, was sich auch in der Impfpriorisierung zeigen sollte" Jens Spahn
Spahn hatte am Samstag angekündigt, man wolle die Beschäftigten an Kitas und Grundschulen zügig in die nächsthöhere Impfgruppe nehmen und ihnen früher ein Impfangebot machen, weil in den Einrichtungen Abstand nicht möglich sei. Dafür sprach sich auch Karliczek aus: "Beide Berufsgruppen nehmen Aufgaben wahr, die für unsere ganze Gesellschaft von ganz großer Bedeutung sind, was sich auch in der Impfpriorisierung zeigen sollte", sagte die CDU-Politikerin.



Familienministerin Franziska Giffey verteidigte die Kita- und Schulöffnungen, sagte aber, dass diese verantwortungsvoll und mit Blick auf das Infektionsgeschehen erfolgen müssten. "Man kann die Kinder nicht noch viel länger zuhause lassen, weil sonst der Kinderschutz und das Kindeswohl in Gefahr sind", sagte die SDP-Politikerin und verwies auf Probleme wie Vereinsamung, Bewegungsmangel und entstehende Bildungs- und Bindungslücken. Zudem seien viele Eltern am Ende.