Corona und die Folgen

Sechs Schüler berichten, wie sie den Lockdown erlebt haben

Robert Bergmann

Von Robert Bergmann

Di, 23. Juni 2020 um 13:42 Uhr

Lörrach

Ein chaotischer digitaler Schulalltag, fehlende Freunde und oft auch Nerv daheim: Sechs Schülerinnen und Schüler aus dem Kreis Lörrach erzählen, wie sie den Lockdown ihrer Schule im März erlebt haben.

Es werde zuviel über sie gesprochen, aber zuwenig mit ihnen, klagen Jugendliche unter anderem in einer der ersten Studien, die sich mit dem Thema Jugend und Corona beschäftigt hat. Wir wollten es genauer wissen: Robert Bergmann hat sich mit sechs jungen Menschen aus dem ganzen Landkreis unterhalten, wie sie im April und Mai die Zeit des Lockdowns – ohne Schule, Freunde und immer daheim – erlebt haben.

Wie der Tag vergeht

"Ich habe verzweifelt versucht, mich zu beschäftigen", erinnert sich Felix Rogge an die ersten Tage nach der landesweiten Schließung der Schulen im Zuge des Hochschnellens der Corona-Infektionen. Der 19-jährige Rheinfelder geht in Lörrach auf das sozialwissenschaftliche Gymnasium an der Mathilde-Planck-Schule und merkte plötzlich, wie sein kompletter Tagesrhythmus ins Rutschen kam, als er nicht mehr in den Unterricht durfte. Die über die digitale Plattform hereinkommenden Schulaufgaben waren schnell erledigt, das füllte den Tag auch nicht ansatzweise aus. Und so begann Felix, sich auf die Suche zu machen, was ihn sonst noch erfüllen könnte – das Treffen mit den Freunden fiel ja flach. "Ich habe Schach gespielt und Gitarre. Und ich habe haufenweise historische Filme auf Youtube angeschaut," erzählt Felix. In ganz kurzer Zeit habe sich sein Tagesrhythmus deutlich in die Nacht hinein verschoben, sagt der junge Mann.

"Ich habe verzweifelt

versucht, mich

zu beschäftigen."

Felix Rogge, Schüler (19)
Das Gefühl nach Schließung ihrer Schulen mit einem Mal extrem viel Zeit übrig zu haben, kennen alle jungen Menschen, die sich an diesem Tag zum Gespräch in der BZ-Redaktion treffen. Ausgelöst hat es aber ganz unterschiedliche Gefühle. "Plötzlich hast du keine Termine mehr, das war am Anfang schon entspannend", meint Ronja Hofmann (17) aus Binzen. Bei Ronja, die das Kant-Gymnasium in Weil besucht, stellte sich dann aber recht schnell ein Gefühl der Ernüchterung ein. Sie merkte, wie sehr ihr das Tanzen fehlte – die Online-Angebote empfand sie nicht wirklich als Ersatz. Und auch die Organisation von Fridays-For-Future-Demos fiel für die junge Klimaaktivistin plötzlich flach. Irgendwann aber habe sie sich mit der neuen Situation arrangiert, erzählt Ronja. "Nach den Osterferien ging es mir besser."

Gerade umgekehrt hat es Fátima Luna Ahmad erlebt. Die 18-jährige Lörracherin besucht wie Felix die Mathilde-Planck-Schule, allerdings das biotechnologische Gymnasium dort, wie sie betont. "Anfangs fand ich diese zeitliche Entlastung gar nicht so schlimm", sagt Fátima. Von der Schule kamen Aufgaben "in angemessenem Rahmen" und sie habe sich über den zusätzlichen Freiraum gefreut. Dann aber, als es nach den Osterferien mit dem Schulstoff intensiver zuging, begann es schwierig zu werden. "Es gibt Gleichaltrige, die daheim vielleicht nur eine Schwester oder Bruder und ihre Eltern haben. Dann gibt es welche, die eine größere Familie haben, in denen jeder seine Pflichten zu tragen hat und in denen sich die häuslichen Pflichten und Tumulte ungünstig mit den schulischen Pflichten schneiden. Letzteres trifft wohl auf mich zu", erklärt Fátima ihre Situation.

"Auf den Terminkalender zu schauen und zu sehen, dass da nichts drauf ist, war anfangs schon cool", meint Erik Mehrle, bei den Grünen engagierter Schüler am Oberrhein-Gymnasium in Weil. Mehrle stürzte sich gleich mit Beginn des Lockdowns ins Internet, zerstreute sich beim Online-Poker, begann eigene Videos zu streamen und machte die Nächte zum Tag. "Und nebenbei habe ich auch noch mein Zimmer neu gestrichen." Dem 14-jährigen Till Trefzer aus Binzen haben im Corona-Lockdown vor allem die Freunde gefehlt. "Mir war plötzlich sowas von langweilig", sagt er mit einigem Nachdruck.

Die digitale Schule

Die in die Corona-Zwangspause entlassenen Schülerinnen und Schüler sollten sich keinesfalls in den Ferien wähnen, wurden Lehrkräfte, Rektoren und das Kultusministerium nach dem Ende des Präsenzunterrichts nicht müde zu betonen. Bestenfalls galt es, über digitale Plattformen engen Kontakt mit den im Homeoffice arbeitenden Lehrkräften zu halten und den Lernstoff wenigstens in den wichtigen Schulfächern vermittelt zu bekommen.

"Mir etwas von einem auf den anderen Tag selbst beibringen zu müssen, da fühlte ich mich ziemlich überfordert."

Janne Zöllin, Schülerin (14)
Folgt man den Erfahrungen der sechs Schülerinnen und Schüler, scheint es beim Online-Unterricht noch Luft nach oben zu geben. "Mir etwas von einem auf den anderen Tag selbst beibringen zu müssen, da fühlte ich mich ehrlich gesagt ziemlich überfordert", erzählt Janne, Neuntklässlerin an der Freien Evangelischen Schule. Die 14-Jährige beklagt eine zunächst mangelhafte Koordination ihrer Lehrer beim digitalen Übermitteln des Hausaufgabenstoffs. "Ziemlich demotivierend" sei es gewesen, sich plötzlich mit haufenweise Stoff aus allen möglichen Fächern konfrontiert zu sehen, der jeweils zu einem bestimmten Abgabetermin bearbeitet sein sollte, erinnert sich die Schülerin. Wenigstens seien die Schulverantwortlichen kritikfähig gewesen. Janne: "Wir haben darüber reden können, und dann ging es besser." Erik Mehrle hat am Weiler Oberrhein-Gymnasium aufmerksam registriert, wie Corona die sozialen Unterschiede zwischen den Schülern gnadenlos ans Licht brachte. "Vorher hat es keine Rolle gespielt, ob du einen Laptop oder PC daheim hattest oder nicht – jetzt aber schon", erklärt Mehrle. Der im Zuge des Corona-Lockdown geschlossene, sonst allgemein zugängliche Computerraum am Gymnasium sei ein wichtiger Anlaufpunkt für Schüler, in deren Elternhaus es mangels finanzieller Möglichkeiten an technische Ausstattung fehlt, weiß Fátima. Jetzt mussten diese Schüler auf einmal sehen, wie sie in Sachen digitales Equipment zurecht kamen. Ronja Hofmann staunt darüber, wie an ihrer Schule die für schwächere Schüler so wertvolle Hausaufgabenhilfe mit Beginn der Corona-Einschränkungen ohne viel Nachdenken über Bord geworfen wurde. Und Lehrer seien einfach davon ausgegangen, "dass daheim schon ein Drucker steht", wundert sie sich.

Ausgesprochen ärgerlich findet es Erik Mehrle, dass an seinem Gymnasium die Schülermitverwaltung von einem auf den anderen Tag ausgebootet worden sei. Bei der Gestaltung des neuen Schulalltags habe die SMV keine Rolle gespielt. Dabei hätte so mancher Digital Native den teils überforderten Pädagogen mit Blick auf das Chaos, das anfangs herrschte, gerne Knowhow zur Verfügung gestellt, was die sinnvolle und datenschutztechnisch einwandfreie Nutzung der diversen Plattformen angeht.

Fehlende Kontakte

Alle Teilnehmer der kleinen BZ-Runde beklagen das schmerzhafte Fehlen des Umgangs mit Gleichaltrigen während der ersten Phase des Lockdowns. Von den Eltern wurden die behördlich geforderten Kontaktbeschränkungen offenbar unterschiedlich streng gehandhabt. Bei Janne etwa waren die direkten Treffen mit den Freunden schwierig, da beide Eltern als Arzt und Erzieherin in sogenannten systemrelevanten Berufen arbeiten und sehr darauf bedacht waren, auf Nummer sicher zu gehen. Janne lachend: "Als ich später dann einen Freund zum ersten Mal wieder live sehen konnte, habe ich ihn für eine Millisekunde nicht erkannt." Ronja hat, als es um die Neuinfektionen etwas ruhiger wurde, Spaziergänge mit Freunden im Freien organisiert. Anderen war lange Zeit nicht einmal der direkte Kontakt zum Liebsten erlaubt.

Zum Helfer in der Not wurden in dieser Situation die sozialen Netze und diverse zur Verfügung stehende Netzangebote. Fátima etwa veranstaltete mit ihren Freunden Skype-Abende. "Ich kenne jetzt Leute in Nordrhein-Westfalen", sagt Felix Rogge grinsend. Der junge Mann ist bei der Linken in Weil parteipolitisch aktiv und hat seine Internet-Kontakte im Lockdown kräftig ausgebaut.

Eltern bemühen sich

Alle Jugendlichen erzählen davon, dass sich die Eltern sehr darum bemüht hätten, dem durch Corona isolierten und vom neuen Schulalltag genervten Nachwuchs tröstende Angebote zu machen. Das konnte und musste gar nicht gleich nicht der Europa-Park sein. "Mir war so langweilig, da habe ich mich schon gefreut, mit meinem Vater in den Baumarkt gehen zu können", sagt Till Trefzer aus Binzen. Beim Wochenendeinkauf mit den Eltern habe sie stundenlang die Regale studieren können, schmunzelt Fatima. "Es war für mich schon spannend genug, die vier Wände wegen des Wocheneinkaufs zu verlassen, auch wenn ich feststellen musste, dass das 'weiße Gold', auch Klosettpapier genannt, nun Mangelware war", erzählt sie. Erik wie auch Felix erinnern sich an lebhafte politische Diskussionen daheim. Und Janne erzählt mit leuchtenden Augen "vom gemeinsame Batiken und Spazieren gehen mit den Eltern. Es war so schön, einfach mal etwas anderes zu machen".

Mit einem bemerkenswerten Satz zum Thema Eltern/Kinder in Corona-Zeiten lässt schließlich Ronja Hofmann die Runde aufhorchen. "Man sieht sich öfters, aber man hat sich einfach weniger zu erzählen", sagt die junge Frau nachdenklich und schiebt dann eine Erklärung nach: Schließlich, so Ronja, habe sie in der Zeit der häuslichen Quarantäne "kaum noch etwas wirklich Neues" erlebt. Und sie ist offenkundig froh, dass an ihrem Gymnasium zwei Wochen nach Ostern die Schule wieder angefangen hat.