Schutt Schrott Schrat

Oliver Pfohlmann

Von Oliver Pfohlmann

Sa, 09. Januar 2021

Literatur & Vorträge

Berührender Neuanfang im Exil: Ulrike Draesners Künstlerroman "Schwitters" /.

Heute würde man von "Upcycling" sprechen. Kurt Schwitters nannte es "Merz": die Wiederverwendung von Müll zu neuem Zweck, in diesem Fall einem ästhetischen. Egal, ob Knöpfe, Schuhcremedosen oder Pralinenpapier: Dem Dada-Künstler, 1948 im Alter von 60 Jahren im englischen Exil gestorben, wurde buchstäblich alles zum Material.

Das breitere Publikum kennt heute fast nur noch seine Gedichte "An Anna Blume" und die "Ursonate". Was schade ist, denn Schwitters’ Bedeutung liegt in der bildenden Kunst. Er erschuf die ersten Installationen, noch bevor der Begriff existierte. Und weil ihm Unterhaltungskunst genauso viel wert war wie die hohe, wurde er zum Ahnherrn der Pop-Art. Sein buchstäblich größtes Werk war der "Merzbau", der seine Besucher regelrecht verschluckte.

Die begehbare Skulptur im Hannoveraner Elternhaus fiel 1943 britischen Bomben zum Opfer. Doch zu Beginn von Ulrike Draesners großem Schwitters-Roman, im Oktober 1936, existiert die Installation noch. Hauptsächlich ihretwegen zögert Draesners Titelheld, NS-Deutschland zu verlassen. Dabei haben die Nazis seine Kunst als "entartet" gebrandmarkt. Zudem muss er befürchten, als Epileptiker dem Euthanasieprogramm zum Opfer zu fallen. Doch was würde aus seiner betagten Mutter werden? Und was aus Helma, der leidgeprüften Gattin des notorischen Schürzenjägers?

In Zeitsprüngen hangelt sich die Autorin an den Lebensstationen des Künstlers entlang. So kommt es, dass das Folgekapitel schon im norwegischen Exil spielt. Dorthin hat sich Schwitters Monate später doch geflüchtet, zusammen mit seinem erwachsenen Sohn. Um seine Werke und seine Mutter muss sich in Hannover seine Frau kümmern. Weil Draesner kapitelweise die Perspektive wechselt, kann man Helmas wachsende Verbitterung genauso erleben wie Schwitters’ Schaffenskrise, abgeschnitten von Muttersprache und Publikum. 1940, als Hitlers Wehrmacht Norwegen besetzt, folgt die dramatische Flucht von Vater und Sohn auf dem letzten Eisbrecher nach England. Dort landen sie in einem Internierungslager als "feindliche Ausländer" – im Roman für Schwitters eine Art Nullpunkt seiner Existenz. "Man verstand nicht, was man erlebte. (…) Mit der Zeit wurde das eigene frühere Leben durchsichtig. Und löste sich auf."

Was für ein Stoff für einen Roman! Und wer Ulrike Draesners Werke kennt, dürfte kaum überrascht sein, dass ausgerechnet die 58-jährige Erzählerin, Lyrikerin und Essayistin den späten Schwitters für sich entdeckt hat. Denn kennzeichnend für ihr Werk ist neben einem hochentwickelten Sprachbewusstsein das Interesse an bildender Kunst. Hinzu kommt ihre Beschäftigung mit Flucht und Vertreibung. "Schwitters", so der bündige Titel, soll der zweite Teil einer Trilogie sein. Sie begann 2014 mit "Sieben Sprünge vom Rand der Welt" mit einer erfundenen Hauptfigur.

Dass man auch diesen Roman nicht mit einer Biografie verwechseln sollte, betont die Autorin im Nachwort. Soll heißen: Die Fakten stimmen, der Rest besteht aus Fiktion, angereichert um eigene Erfahrungen. Zu diesen gehört der verstörende Zusammenprall zweier Sprachen im eigenen Denken. Vor 20 Jahren hat Draesner in ihren Münchner Poetikvorlesungen berichtet, wie sie als Studentin in Oxford solche Kollisionen erlebte. Jetzt lässt sie diese Erfahrung ihren Protagonisten im London des "Blitzkriegs" machen. "Kurt stand neben einem Haufen, der vor Stunden noch ein Haus gewesen war. Jetzt lag da rubble. Er dachte fast nur noch auf Englisch. In rubble steckte rub, reiben. Zerrieben sein. Auf Deutsch wäre das Schutt? Von Schütten? Schutt Schrott Schrat. Die deutschen Wörter verpackten sich vor ihm in Watte. Mit jedem Monat rückten sie weiter fort. Ab und an trieb ihm eines durch den Kopf, schwamm ihm übers Gesicht, legte sich von hinten um seinen Nacken, kühlte oder wärmte oder würgte ihn." Bei Kriegsende ist Kurt Schwitters schon schwer krank, als er sich zum Missfallen seines Sohns noch einmal neu erschafft, nicht zuletzt dank seiner neuen Lebensgefährtin Edith Thomas, genannt Wantee. Sogar ein neuer Merzbau entsteht, in einer Scheune im nordwestenglischen Lake District.

Es ist beeindruckend, wie viel Sprach- und Erzählenergie die Autorin in "Schwitters" gesteckt hat. Energie verlangen die knapp 500 Seiten auch ihren Lesern ab. Doch die Lektüre lohnt sich. "Schwitters" erzählt nicht nur von den Verlusten einer Fluchterfahrung, sondern auch von der Magie des Neuanfangs.

Ulrike Draesner: Schwitters. Roman. Penguin Verlag, München 2020. 480 Seiten, 25 Euro.