Sie erzählt mit erfrischender Offenheit aus ihrem Leben

Martha Weishaar

Von Martha Weishaar

Do, 07. Juli 2022

Bonndorf

WIE WAR’S beim Literaturgespräch mit Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer? / Literarische Werke nehmen bei ihr einen hohen Stellenwert ein.

. Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer war Protagonistin des Literaturgesprächs im Schloss. Mit dem Format "Ein Mensch und drei Bücher" erschließt Kulturamtsleiterin Susanna Heim Literatur auf neuen Wegen. Dabei gewähren Menschen, die auf irgendeine Weise im Fokus des öffentlichen Interesses stehen Einblick in ihre literarischen Vorlieben, ja, teilweise sogar in ihr ganz Privates. Gleichzeitig werden Neugier und Leselust geweckt.

Wolfgang Endres moderierte auf wunderbar klare, zielgerichtete Art und Weise. Ebenso unverschnörkelt waren Beobachtungen und Ausführungen der Regierungspräsidentin. Dass die von ihr vorgestellten Werke sie nachhaltig beeindruckt haben wurde offenkundig. Literatur hat im Leben der gebürtigen Schwäbin, die von sich erzählte, dass sie aus einfachen Verhältnissen und keineswegs dem Bildungsbürgertum entstammt, einen hohen Stellenwert. Nicht von ungefähr leitet sie die Hebelpreis-Jury. Sie erinnerte an vergangene Zeiten während ihres Studiums, als sie mit Gleichgesinnten nächtelang literarische Werke durchdiskutierte.

Bärbel Schäfer gewährte dem Publikum mit erfrischender Offenheit einen Blick auf ihre eigene Vergangenheit und ganz private Ansichten. Erzählte, dass sie im Alter von acht Jahren ihre Mutter verlor. Sinnierte darüber, welch hohen Anspruch sie an sich selbst stellte, als sie just zum Zeitpunkt der Familiengründung eine verantwortungsvolle Führungsaufgabe in ihrem Beruf übernahm. "Ich wollte eine gute Chefin sein. Gleichzeitig waren die Kinder unser ‚Projekt‘. Alles musste erfolgreich sein. Aber wo blieb ich bei all der Perfektheit meines Lebens?", blickte Bärbel Schäfer zurück. "Die Bagage" von Monika Helfer habe ihr verdeutlicht, wie wenig sie von ihrer eigenen Familie wusste. Rückblickend wünschte sie, sie hätte ihren Vater, Großmutter oder Tanten mehr nach ihrer eigenen Familiengeschichte befragt. Wolfgang Endres kommentierte diese Bekenntnisse der Juristin. "Erstaunlich, wie viel Emotionen in einer so nüchtern sachlichen Person, wie Sie es sind, stecken."

Wie diese Person sich in der Welt der Reichen und Schönen fühlt, mit der sie als Regierungspräsidentin zwangsläufig Berührungspunkte hat, schilderte Bärbel Schäfer im Hinblick auf Alain Claude Sulzers Werk "Aus den Fugen". "Als Regierungspräsidentin bekomme ich Einladungen von Leuten, die ich nicht in meine Doppelhaushälfte einladen kann. Mein Vater war Installateurmeister. Ich stamme aus einer anderen Welt", räumte sie schonungslos ein. "Zuweilen frage ich mich: Muss ich jetzt auch lernen, so zu sein? Was ist mir wichtig? Was bedeutet es, seine Lebensqualität über das Wohnungsinterieur zu definieren?" Was Bärbel Schäfer mit Sulzer verbindet: "Er ist ein unheimlich guter Beobachter und benennt Dinge gnadenlos beim Namen." Auch die Regierungspräsidentin beobachtet ihr Gegenüber, anstatt mit voreiligen Schlüssen zu verurteilen. Und auch sie hat zuweilen, ebenso wie der Starpianist in Sulzers Erzählung, das Gefühl, mitten im Geschehen einfach mal den Deckel zumachen und sagen zu müssen: Das war‘s! "Ich überlege hin und wieder in besonderen Situationen: Was mache ich hier eigentlich?", gesteht die 64-Jährige. "Dennoch ist es ein No-Go, sich so in Szene zu setzen und Macht auszuspielen. Das würde ich mir nie erlauben."

Irvin Yaloms "Und Nietzsche weinte" stellt als drittes ausgesuchtes Werk einen Kontrast zu den vorangehenden. Die Verstrickungen zwischen dem Patienten Nietzsche und seinem Psychoanalytiker Breuer bedingen am Ende die Wendung, dass der Patient den behandelnden Arzt zu kurieren sucht. Die streng protestantisch erzogene Bärbel Schäfer befand vor dem Hintergrund dieses Romans, dass jeder seinen eigenen Weg finden müsse.

Spielerisch versuchte Wolfgang Endres abschließend herauszufinden, wie gut das Publikum nach derart offenen Eingeständnissen die Regierungspräsidentin einzuschätzen vermag. Susanne Heim attestierte Bärbel Schäfer, dass sie eine wunderbare Literaturvermittlerin sei und viele dafür begeistern konnte, mal wieder zu lesen. Landrat Martin Kistler dankte der Präsidentin, dass sie sich an einem Sonntag eigens für diese Kulturveranstaltung auf den Weg nach Bonndorf machte.