Katastrophenhilfe

So haben DRK-Angehörige aus dem Kreis Emmendingen ihren Einsatz erlebt

Kurt Meier

Von Kurt Meier

Do, 22. Juli 2021 um 08:00 Uhr

Elzach

Zahlreiche Einsatzkräfte der Blaulichtorganisationen waren im Hilfseinsatz an Ahr und Erft. Vier DRK-Helfer haben der Badischen Zeitung ihre Eindrücke geschildert.

Tausende von Helfern aus ganz Deutschland versuchen derzeit, die Folgen der Flutkatastrophen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz zu bewältigen. Vier davon waren Matthias Guski aus Elzach, Mathias Kölbel aus Gutach, Martin Gebhardt aus Freiamt und Jonathan Throm aus Waldkirch. Nach ihrer Rückkehr aus einem der am schlimmsten betroffenen Regionen in Rheinland-Pfalz am späten Samstagabend fragte Kurt Meier nach ihren Erlebnissen und Eindrücken.

BZ: Herr Guski, wie kommen DRK-Helfer aus dem Landkreis Emmendingen zu einem Katastropheneinsatz in Rheinland-Pfalz?

Guski: Das Land Baden-Württemberg stellt den Hilfsorganisationen speziell konzipierte Rettungswagen für den Katastrophenschutz zur Verfügung. Der DRK-Kreisverband Emmendingen hat vier davon. Die sind in Elzach, Denzlingen, Freiamt und Herbolzheim stationiert. Die dortigen Ortsvereine können die Fahrzeuge für ihre Sanitätsdienste und Einsätze nutzen. Wir müssen aber gewährleisten, dass diese jederzeit mit entsprechend qualifiziertem Personal für regionale und überregionale Einsätze zur Verfügung stehen. Das Land Baden-Württemberg hat am Donnerstag 100 dieser Einsatzfahrzeuge in die Katastrophengebiete entsendet. 25 davon musste der DRK-Landesverband Baden stellen. Wir wurden vom Amt für Brand und Katastrophenschutz informiert, dass wir zwei Einsatzfahrzeuge stellen müssen.

Zu den Personen:
» Martin Gebhardt (46), Finanzbeamter, Vorsitzender des DRK-Ortsvereins Freiamt und Mitglied des Kreisvorstandes;
Matthias Guski (35), Werkzeugmachermeister, stellvertretender Vorsitzender des DRK-Ortsvereins Elzach und Mitglied der Kreisbereitschaftsleitung;
» Mathias Kölbel (44), Projekt- und Bauleiter für Laborausbau, Bereitschaftsleiter der DRK-Bereitschaft Gutach-Bleibach;

Jonathan Throm (23), Student, arbeitet als Notfallsanitäter im Rettungsdienst des DRK-Kreisverbandes Emmendingen.


BZ: Die Zur-Verfügung-Stellung von Fahrzeugen ist das eine, aber wie wird das Personal dazu rekrutiert? Schließlich sind Sie ja alle ehrenamtlich tätig, sind berufstätig, haben Familien? Wie lange war die Vorlaufzeit?

Du musst Dich in einer halben Stunden entscheiden Mathias Kölbel

Kölbel: Als mich der Anruf erreichte, hieß es: Du musst Dich in einer halben Stunde entscheiden. Da war ich grade bei der Arbeit. Also hab ich zuerst meinen Chef gefragt, ob er mich freistellen kann, und dann meine Familie, ob sie damit einverstanden wäre, dass ich in den Einsatz gehe. Es war ja nicht klar, wie lange der dauern wird. Anvisiert waren drei bis vier Tage, es hätte aber auch länger gehen können. Und ungefährlich, das war uns von vorneherein klar, würde dieser Einsatz auch nicht werden.

Guski: Jonathan hab ich über Handy beim Einkaufen erwischt. Der hat kurz mit seiner Freundin geredet und dann gleich zugesagt. Bei mir war’s ähnlich wie bei Matthias: Meine Frau hat gleich zugestimmt. Dann hab ich meinen Chef gefragt und auch der hat eingewilligt. "Kommen Sie aber gesund wieder nach Hause", das war seine Bedingung.

Gebhardt: Ich hab zuerst abgelehnt, weil ich an dem Wochenende eigentlich schon verplant war. Als es aber eng wurde und noch ein Fahrer für das zweite Fahrzeug fehlte, hab ich dann doch noch zugesagt.

BZ: Und dann?

Kölbel: Fuhren wir mit unseren beiden Fahrzeugen zu einem Sammelplatz im Industriegebiet in Lahr. Von dort aus ging es im Konvoi mit allen anderen DRK-Einsatzfahrzeugen aus Südbaden bis zur Landesfeuerwehrschule in Bruchsal. Dort wurde noch einmal alles überprüft, vollgetankt, Material, Verpflegung aufgenommen. "Nehmt mit, was ihr könnt, dort gibt es absolut nichts", hat es zu uns geheißen. Und das war dann auch so. Gottlob hatten wir unsere eigene Verpflegung dabei, Isomatten und Schlafsäcke.

Nach ein paar Stunden Schlaf im Auto ging es weiterMatthias Gusik

Guski: Von Bruchsal aus wurden wir in einen Bereitstellungsraum nach Bad Neuenahr-Ahrweiler geschickt. Der lag auf dem Betriebsgelände der Haribo-Werke. Da sind wir so gegen halb zwei Uhr angekommen. Nach ein paar Stunden Schlaf im Fahrzeug ging’s um 6 Uhr morgens zur Lagebesprechung.

BZ: Welche Aufgaben hatten Sie?

Guski: Der Verband aus Südbaden bekam die Aufgabe, das Altenpflegeheim Augustinium in Ahrweiler zu evakuieren. Aber wir konnten noch nicht losfahren, denn das Gebiet war nicht erreichbar: Bundeswehr und THW mussten erst mit schwerem Räumgerät Zufahrten schaffen.

Kölbel: Die Senioreneinrichtung ist ein 14-stöckiges Gebäude. In ihr leben rund 400 Menschen. Die waren dort über zwei Tage eingeschlossen ohne Trinkwasser und ohne Strom. Das Wasser stand zeitweise im zweiten Obergeschoss bis an die Decke. Das muss für die Menschen furchtbar gewesen sein. Eben erst noch waren sie über Wochen und Monate isoliert wegen Corona.

Da, wo vorher noch Straßen waren, lagen jetzt Trümmer Martin Gebhardt

Gebhardt: Es war extrem anstrengend, schon mal da hin zu kommen. Man muss sich vorstellen: Da, wo vorher noch Straßen waren, lagen jetzt Trümmer. Streckenweise auf uns allein gestellt, kamen wir an eine Brücke, die auf unserem Anfahrtsplan eingezeichnet war, aber die war einfach weg. Über einen Umweg kamen wir an eine zweite Brücke, aber die war auch beschädigt. Es war nur noch eine Fahrbahn vorhanden. Die durfte jeweils nur von einem Fahrzeug im Schritttempo überfahren werden. Die Zufahrt zur Pflegeeinrichtung war total verschlammt und eben erst von den technischen Einsatzkräften geräumt worden. Man wusste nicht, was da so alles in dem schlammigen Wasser herumschwimmt. Überall roch es nach Öl, nach Abfällen, es war eine ganz eigentümliche Mischung.

Guski: Die gehfähigen Bewohner waren zuvor schon evakuiert und mit Bussen weggebracht worden. Wir mussten uns um die bettlägerigen und schwer pflegebedürftigen Patienten kümmern. Es gab ja keinen Strom, also funktionierten auch die Aufzüge nicht. Die Patienten mussten über viele Treppen nach unten getragen werden. Das war auch körperlich extrem anstrengend.

BZ: Wohin haben Sie die Menschen gebracht?

Guski: Die Bewohner der Seniorenanlage in Bonn in einem großen Hotel einquartiert. Bei der zerstörten Infrastruktur waren diese Fahrten kein Zuckerschlecken. Wir haben die Tour zweimal gemacht. Den letzten Patienten haben wir morgens um halb eins in Bonn in sein neues Bett gelegt. Danach waren auch wir fix und fertig. Gottlob hat uns der Hotelmanager noch ein paar freie Zimmer überlassen, sodass unser ganzer Zug hier mal wieder warm duschen und sich ein paar Stunden in einem Bett erholen konnte. Sonst hätten wir erst noch in unseren Bereitstellungsraum nach Ahrweiler zurückfahren müssen. Das haben wir dann am nächsten Morgen halbwegs ausgeschlafen machen können. Am zweiten Tag hieß es dann: Warten. Zuerst sollten wir den regulären Rettungsdienst in Ahrweiler unterstützen, aber das wurde dann von einer anderen Einheit übernommen. Am Nachmittag bekamen wir die Wahl, uns als Einsatzreserve in einen neuen Bereitstellungsraum zu begeben oder nach Hause zurück zu fahren. Wir haben uns dann für die Heimfahrt entschieden.

Die hatten absolut nichts mehr, nicht mal eine Krume Brot. Martin Gebhardt

BZ: Welche Eindrücke nehmen Sie persönlich aus diesem Einsatz mit?

Gebhardt: Trümmer, überall Trümmer, so weit das Auge reicht, über viele Kilometer. Die heimischen Einsatzkräfte, auch das Personal des Pflegeheims, waren absolut am Ende. Die haben ja über Tage hinweg fast ununterbrochen gearbeitet. An unserem ersten Bereitstellungsplatz in Ahrweiler war auch eine Ausgabestelle für Hilfsgüter. Da standen Menschen in langen Schlangen an, teilweise noch im Schlafanzug in Socken. Die hatten absolut nichts mehr, nicht mal eine Krume Brot.

Kölbel: Die Atmosphäre unter den Einsatzkräften war unvergleichlich. Jeder hat jedem geholfen, über alle Organisationen hinweg. Viele Menschen hatten schon mit Aufräumarbeiten begonnen. Die haben geschuftet bis zum Umfallen. Andere wiederum waren ganz apathisch. Die Menschen, denen wir helfen konnten, waren überaus dankbar. Auch die Angehörigen unserer Evakuierten, die teilweise über Stunden in Bonn ausgeharrt hatten. Als wir ankamen, war die Wiedersehensfreude groß. Da sind auch bei uns ein paar Freudentränen geflossen.

Guski: Was da passiert ist, werden die Menschen vor Ort wie auch lange nicht verarbeiten können. Es sind Eindrücke, die ich sicherlich nie mehr vergessen werde.