Stellenspezial Freiwilligendienst

Soziale Arbeit nach Karriere: Als Bufdi die Zeit zur Rente überbrücken

Leonie Mielke

Von Leonie Mielke (epd)

Fr, 10. Mai 2019 um 11:58 Uhr

Anzeige "Ich mache Bundesfreiwilligendienst." Das hört man meist von Schulabgängern. Doch auch über 50-Jährige engagieren sich. Sie suchen Abwechslung oder überbrücken die Zeit bis zur Rente.

Rezepte in der Apotheke einlösen oder Ältere zum Arzt begleiten, das war für 18 Monate der Alltag von Werner Geercken. Für den 60-Jährigen war diese soziale Tätigkeit etwas völlig Neues. "Jahrelang bin ich als Datenelektroniker durch Süddeutschland gereist und habe mich bei Firmen um die Software gekümmert", erzählt er im Büro seines neuen Arbeitgebers, dem Talhof Schriesheim bei Heidelberg. Dann kam das Karriereaus.

Geercken war 2015 nach einer Firmenübernahme gekündigt worden. Für den Heidelberger folgte eine Odyssee: Er ging zum Arbeitsamt, schrieb Bewerbungen, besuchte monatelange Weiterbildungen mit Prüfungen. Aber einen Job als Datenelektroniker bekam er nicht mehr. "Ich hatte sogar einige Bewerbungsgespräche" blickt er zurück, "aber ich erkannte schnell, dass wegen meines fortgeschrittenen Alters kein ernsthaftes Interesse bestand." Danach bastelte er an Konzepten für eine mögliche Selbstständigkeit, aber ohne zündende Idee und Kapital "sei alles Murks" gewesen.

Schließlich wies ihn sein Bruder auf den Bundesfreiwilligendienst hin. Ein gemeinnütziger Dienst, den die Bundesregierung 2011 als Ersatz für den Zivildienst schuf, nachdem die Wehrpflicht ausgesetzt wurde. Geercken informierte sich und fand über die Onlinesuche den Talhof Schriesheim; eine Einrichtung, in der Suchtkranke, psychisch Kranke und Obdachlose ihre Rückkehr in einen geregelten Alltag vorbereiten.

Nach einem kurzen Bewerbungsgespräch war klar: Geercken wird für 18 Monate zum sogenannten Bufdi. Als solcher macht er große Einkäufe für die rund 70 Bewohner der Einrichtung, hält die Vorräte für den Kiosk in Schuss, bringt die Bewohner zum Arzt oder hilft ihnen beim Ein- und Auszug. Für Geercken ist es eine gute Anstellung: "Mein ganzes Leben lang habe ich mich mit Technik beschäftigt, ich hatte keine Ahnung, wie toll es ist, sozial tätig zu sein." Er bekäme viel zurück von den Bewohnern. Zudem sei er auch nicht mehr wie früher die gesamte Woche beruflich auf Reisen. Stattdessen könne er jetzt morgens zu Fuß zur Arbeit gehen.

Finanziell kommt dabei nicht viel herum. Laut dem Bundesamt für zivilgesellschaftliche Aufgaben vergüten die Einrichtungen unterschiedlich, das Maximum liege bei 381 Euro im Monat. Aber aus Sicht Geerckens gibt es einen besonderen Vorteil: Die Sozialversicherungen werden bezahlt. "Mir fehlten nur noch ein paar Monate, bis ich die 45 Beitragsjahre zur Rente voll hatte", sagt Geercken. Daher konnte er bei vollen Bezügen vor dem 67. Lebensjahr in Rente gehen.

Insgesamt absolvierten 2017 in Baden-Württemberg laut dem Bundesamt für zivilgesellschaftliche Aufgaben mehr als 6200 Menschen den Bundesfreiwilligendienst, rund 3000 von ihnen sind bei den Diakonien Baden und Württemberg tätig. Fast 130 sind älter als 50 Jahre. "Einige von ihnen haben ihr Berufsleben hinter sich und wollen der Gesellschaft etwas zurückgeben", erklärt Christian Könemann, Sprecher der Diakonie Baden.

Andere entschieden sich nach einem beruflichen Knick, ihrem Leben eine neue Ausrichtung zu geben.

Geercken hat neben seiner sozialen Tätigkeit inzwischen auch noch ein anderes neues Hobby gefunden: die Imkerei. Dafür hätte er früher nicht die Muße gehabt, sagt er.