Fußball

Union Berlin will im September 22.000 Fans im Stadion haben – wie soll das gehen?

dpa

Von dpa

Mo, 13. Juli 2020 um 06:54 Uhr

1. Bundesliga

Union Berlin will zum Saisonstart wieder das Stadion füllen, Fußball-Fans sollen zuvor auf Corona getestet werden. Auch DFB-Chef Fritz Keller träumt von vollen Arenen. Doch wie soll das funktionieren?

Union Berlin macht sich mit seinem aufsehenerregenden Plan zum Vorkämpfer für die Rückkehr der Fans, und auch DFB-Chef Fritz Keller träumt von vollen Arenen durch flächendeckende Corona-Tests. In der Debatte um eine mögliche Rückkehr von Zuschauern löst der Plan des Hauptstadtclubs, schon mit dem Start der neuen Bundesliga-Saison sein Stadion mit mehr als 22 000 negativ getesteten Menschen komplett zu füllen, deutschlandweit heftige Reaktionen aus.

Von "Traum" über "Verständnis" bis zu "nahezu grotesk" und "nicht vertretbar" lauteten die ersten Kommentare aus Sport, Politik und Wissenschaft. Die Berliner verteidigen ihren ambitionierten Vorstoß mit Blick auf die Sehnsucht ihrer Anhänger. "Menschen flehen uns jeden Tag an, dafür zu sorgen, dass sie zurückkommen können. Damit wollen wir uns befassen", sagte Christian Arbeit, Geschäftsführer Kommunikation.

Wie sieht das Konzept aus?
Zugang zum Stadion sollen nur Zuschauer, Mitarbeiter und andere Personen erhalten, die neben einer Eintrittskarte auch einen negativen Corona-Test vorweisen können, der nicht älter als 24 Stunden sein darf. Der Verein will die Kosten für die Umsetzung selbst tragen. Das Konzept will der Club mit dem Senat und dem zuständigen Gesundheitsamt konkretisieren.

Was denkt der DFB?
Der Deutsche Fußball-Bund erhofft sich unabhängig vom Vorpreschen der Berliner flächendeckende Corona-Tests, um somit die Rückkehr der Fans in die Arenen zu ermöglichen. "Mein Traum wäre es, über Testungen irgendwann auch wieder ein volles Stadion zu kriegen. Das wäre nicht nur für den Sport, sondern für den Kulturbetrieb und die Wirtschaft wichtig", sagte Keller dem SWR in einem Interview, das bereits vor Bekanntwerden der Union-Pläne geführt worden war. Keller betonte, man müsse auf Wissenschaftler hören.

Wie sieht das die DFL?
Die Deutsche Fußball-Liga hatte darauf hingewiesen, dass es kein zentrales Hygiene- und Sicherheitskonzept wie bei der Beendigung der jüngsten Saison mehr geben soll. Entscheidend für eine Zulassung von Fans seien die lokalen Konzepte der Clubs, welche von den zuständigen Gesundheitsbehörden vor Ort freigegeben werden müssten. So ist zumindest der Weg der Unioner konform zu den DFL-Aussagen.

Wie reagiert die Politik?
Berlins Sportsenator Andreas Geisel zeigt sich offen. "Wir verstehen Unions Ambitionen. Wir werden uns zeitnah mit der Vereinsführung treffen, um über das Konzept zu sprechen", sagte der SPD-Politiker. "Es sollte keine unterschiedlichen Lösungen innerhalb der Bundesliga geben." Dagegen hält der Berliner CDU-Gesundheitspolitiker Tim-Christopher Zeelen die Pläne für "nahezu grotesk". Die Test-Kapazitäten würden dafür gebraucht, "dass unsere Kinder wieder zurück in die Kitas und Schulen können und um unsere Senioren in den Pflegeeinrichtungen zu schützen". Aktuell sind in Berlin Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Personen noch bis zum 24. Oktober untersagt.

Sind Tests aussagekräftig?
Wissenschaftler sind skeptisch, ob ein Test innerhalb von 24 Stunden vor dem Anpfiff überhaupt Aussagekraft hat. Es gebe eine sogenannte diagnostische Lücke, erklärt Harald Renz, Direktor des Instituts für Laboratoriumsmedizin, Pathobiochemie und Molekulare Diagnostik an der Uniklinik Marburg. Es kann vorkommen, dass bei einem Infizierten das Coronavirus zum Zeitpunkt des Tests noch nicht nachweisbar ist, er aber später beim Spiel ansteckend ist. Auch der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit weist darauf hin, dass ein Corona-Test nur eine Momentaufnahme sei. Es sei nicht ausgeschlossen, "dass trotzdem Zuschauer nach 24 Stunden positiv werden und somit andere Zuschauer im Stadion anstecken können". Zudem kann es bei nicht optimal durchgeführten Tests immer wieder zu falschen Negativ-Ergebnissen kommen.

Sind so viele Tests zu schaffen?
Zumindest dürfte es schwierig werden, wenn sich jeder Fan einzeln testen lässt. So teilt der Labor-Verband ALM mit, dass die vom Verband abgefragten Labore in Berlin und Brandenburg aktuell rund 12 000 Tests am Tag schaffen können. Die an der bundesweiten ALM-Analyse teilnehmenden Labore decken rund 85 Prozent der gesamten Covid-19-Diagnostik in Deutschland ab. Der Virologe Schmidt-Chanasit geht davon aus, "dass 22 000 Tests mit Kartuschen-Systemen, Pool-Testungen und einer großen Anzahl von Abstrich-Teams in der vorgesehenen Zeit bewältigt werden könnten".