Keine Fans, aber Tag der offenen Tür

Frank Hellmann

Von Frank Hellmann

Mi, 14. Oktober 2020

Nationalelf

3:3 – im Nations-League-Spiel des deutschen Teams gegen die Schweiz laden beide Abwehrreihen zum Toreschießen ein.

. Nirgendwo ist die Bande unter Nationalspielern wohl so eng wie aktuell zwischen jenen aus Deutschland und Schweiz. Wer sich nicht aktuell aus der Bundesliga kennt, ist sich früher anderswo begegnet. Wie bei der Besichtigung der Spielfläche im Kölner Stadion vor der Nations-League-Begegnung der Austausch von Nettigkeiten angesagt, konnten auch hernach irgendwie beide Seiten ihr Gesicht wahren: Die DFB-Auswahl kämpfte sich nach einem 0:2-Rückstand noch zu einem 3:3 (1:2)-Remis gegen die Eidgenossen.

So viele lichte Momente an diesem frischen Herbstabend im Grüngürtel der Domstadt die Offensive bot, so wenig passte in der Defensive zusammen. Irgendwie verstärkt sich der Eindruck, dass die deutsche Mannschaft acht Monate vor der EM im nächsten Sommer noch einer Großbaustelle ähnelt, auf der Baumeister Joachim Löw noch mächtig Arbeit hat. Bereits vor einer Woche hatte es im Testspiel gegen die Türkei dasselbe Resultat gegeben, das eher im Eishockey denn im Fußball verortet wird.

Deutsche Elf gerät schnell in Rückstand

Gegen eine anfänglich indisponierte Heimelf ging die Schweiz zunächst durch Mario Gavranovic (5.) und Remo Freuler (26.) völlig verdient in Führung, ehe Timo Werner vor der Pause verkürzte (28.). Nach dem Ausgleich durch Kai Havertz (55.) erzielte Gavranovic seinen zweiten Treffer (58.), ehe Serge Gnabry den sehenswerten 3:3-Gleichstand besorgte. Doch unter dem Strich stand eine mit einigen Mängeln behaftete Leistung einer Mannschaft, die nach vier Spieltagen sechs Punkte verbucht hat. "Man kann viel reden und trainieren, aber was eine Mannschaft zusammenkittet sind Siege, hatte Löw zuvor gesagt.

Seine Aufstellung wirkte eigentlich wie ein Eingeständnis gegenüber seinen Kritikern. Jedenfalls stellte der 60-Jährige erstmals in diesem Jahr die zuvor dringend von Weltmeister und ARD-Experte Bastian Schweinsteiger angeratene Viererkette, weil Niklas Süle nur die Bank drückte.

Doch ehe sich Matthias Ginter und Antonio Rüdiger als Innenverteidigerblock verständigt hatten, stand es 0:1. Nach zu kurzer Abwehr von Robin Gosens köpfte Freuler zurück ins Zentrum, wo jegliche Zuständigkeit für den freistehenden Gavranovic fehlte, der gekonnt Keeper Manuel Neuer per Kopf überlistete.

Weil es offensiv lange an Lösungen gegen die massiert verteidigende Eidgenossen fehlte, häuften sich nach Ballverlusten die Gefahrenmomente vor dem deutschen Tor. Ein Fehlpass von Jubilar Toni Kroos, der zu seinem 100. Länderspiel vor den Augen der aus dem Zweitwohnsitz im Kölner Süden angereisten Familie eine Leistung mit Licht und Schatten anbot, führte dann zum zweiten Gegentreffer: Haris Seferovic bediente mit klugen Querpass Kollege Freuler, der den Ball über Neuer lupfte – der Rettungsversuch von Rüdiger drückte deutsche Hilflosigkeit gut aus.

Dass sich angesichts der eklatanten Abstimmungsschwierigkeiten im Abwehrzentrun wieder die Rufe nach einer Rückkehr von Jerome Boateng oder Mats Hummels verstärken, wird Löw kaum verhindern können. Immerhin stimmte die Moral seiner Mannschaft, als Werner mit einem überlegten Flachschuss den 1:2-Anschlusstreffer erzielte.

Viele Höhepunkte in der zweiten Hälfte

Die zweite Halbzeit sollte trotz fehlender Kulisse auch nicht mit Höhepunkten geizen. Zehn Minuten nach Wiederanpfiff nahm der bis dahin nicht sonderlich durchsetzungsstarke Havertz einen Ballverlust von Fabian Schär auf, zog das Tempo an und legte die Kugel am Schweizer Keeper Yann Sommer vorbei ins lange Eck zum 2:2. Doch dann öffnete das Team wieder die Tür zum dritten Gegentreffer: Erst parierte Neuer noch stark gegen Seferovic, dann hämmerte Gavranovic aber den Nachschuss zum 2:3 unter die Latte. Die Antwort der Gastgeber: Nach Vorlage des flinken Werner lotste Gnabry technisch anspruchsvoll das Spielgerät mit der Sohle zum 3:3 über die Linie.

Deutschland: Neuer – Klostermann, Ginter (77. Can), Rüdiger, Gosens (58. Halstenberg) – Kimmich, Goretzka, T. Kroos, Havertz (77. Draxler) - Gnabry, T. Werner. Schweiz: Sommer – Widmer, Elvedi, Schär, Ricardo Rodriguez – Zuber (66. Fernandes), G. Xhaka, Freuler (85. Benito), Shaqiri (66. Sow) – Gavranovic (75. Mehmedi), Seferovic (85. Itten). Tore: 0:1 Gavranovic (5.), 0:2 Freuler (26.), 1:2 T. Werner (28.), 2:2 Havertz (56.), 2:3 Gavranovic (58.), 3:3 Gnabry (60.). Schiedsrichter: Buquet (Frankreich). Gelb: Gosens, T. Kroos / Gavranovic, G. Xhaka. Gelb-Rot: – / Schär (90.+3).

Weiteres Spiel – Nations League, Gruppe A: Ukraine – Spanien 1:0.