"Rassismus war immer da"

dpa

Von dpa

Fr, 18. Oktober 2019

Nationalelf

15 Monate nach dem Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekräftigt Mesut Özil seine Vorwürfe.

BERLIN (dpa). Mesut Özil ist "sehr glücklich". Dieser kleine Nebensatz, verpackt in mehreren Hundert Wörtern über seinen knallenden Rücktritt aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, scheint fast die wichtigste Botschaft. Özil würde alles wieder so machen. Auch mit 15 Monaten Abstand "weiß ich, dass es die richtige Entscheidung war", sagt der 31-Jährige dem Sportportal "The Athletic" in einem langen Interview. Erstmals spricht der Mittelfeldspieler über die Hintergründe, die seiner Meinung nach große Probleme in Deutschland offenlegten.

"Rassismus war immer da, aber diese Situation wurde von diesen Menschen als Entschuldigung dafür genutzt, ihn auszuleben", sagt der Profi des FC Arsenal über jenes Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan und seinem Mitspieler Ilkay Gündogan, das vor der WM 2018 eine Krise ausgelöst hatte.

"Nach dem Foto habe ich mich nicht mehr geschützt, nicht mehr respektiert gefühlt. Ich wurde rassistisch angegangen, sogar von Politikern und bekannten Persönlichkeiten", sagt der Weltmeister von 2014. "Dennoch hat sich zu dieser Zeit niemand von der Nationalmannschaft vor mich gestellt und gesagt: "Hey, das reicht. Das ist unser Spieler." Jeder hat einfach geschwiegen und es geschehen lassen."

Erinnerungen an das Özil-Politikum kamen am Wochenende auf, als Gündogan und Emre Can ein Foto des Salut-Jubels türkischer Nationalspieler im sozialen Netzwerk Instagram mit einem "Gefällt mir" markierten. Dazu äußert sich Özil nicht. Zu Deutschland habe der Aresenal-Spieler (Vertrag bis 2021) weiterhin "starke Verbindungen". Doch willkommen scheint er sich nicht mehr zu fühlen.

Özil würde sich auf das Erdogan-Foto immer wieder so einlassen. Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel damals nach London gereist wäre "und nach einem Gespräch gefragt hätte, hätte ich das natürlich auch getan", sagt er. Er sei im Anschluss aufs Übelste beschimpft worden, Geschäftspartner und Wohltätigkeitsorganisationen hätten sich abgewandt. Selbst in seiner Geburtsstadt Gelsenkirchen sei ein Besuch an seiner alten Schule mit Verweis auf die zunehmende Stärke der AfD abgesagt worden. Der Rassismus sei "nicht mehr länger ein Thema der Rechten", sagt Özil, sondern "in der Mitte der Gesellschaft" angekommen. "Schaut, was in der vergangenen Woche in Halle passiert ist. Eine weitere antisemitische Attacke."