Handball

Die Hilflosigkeit des HGW Hofweier

Wolfram Köhli

Von Wolfram Köhli

Mo, 06. Mai 2019 um 09:45 Uhr

Südbadenliga

Der HGW Hofweier kommt mit seiner Nervosität und dem Spielgerät überhaupt nicht zurecht und vergibt den Titel am letzten Spieltag auf klägliche Weise.

SG Kappelwindeck/Steinbach – HGW Hofweier 23:20 (11:8). "Jetzt sind wir traurig", sagte HGW-Trainer Michael Bohn, "dann schütteln wir uns ..." Der HGW Hofweier schaffte den letzten Schritt zum Titel nicht. Und so gingen die Glückwünsche an die Kollegen jenseits der Bahnlinie. "Schutterwald war der Favorit und hat das bessere Team." Seine Akteure kämpften nach einer starken Spielzeit mit den Emotionen. Die Vizemeisterschaft konnte noch nicht als Trost interpretiert werden.

HGW-Trainer Michael Bohn ist nicht zu übersehen. Eine imposante Erscheinung. Eine halbe Stunde nach dem Abpfiff stand er wie zusammengefaltet an der Balustrade der Stadthalle in Steinbach und schaute mit leerem Blick auf das Spielfeld hinab. "Es sieht wahnsinnig aus", murmelt er vor sich hin. Gemeint war damit nicht die propere Halle, gemeint waren die letzten sechzig Spielminuten einer eigentlich imponierenden Spielzeit des HGW, die ihn stolz macht auf das Team. Vor seinem geistigen Auge sah er nochmals die eigene und die Hilflosigkeit seiner Ballwerfer Revue passieren. Sein Resümee: "Es war ein grausames Spiel."

Mit dieser Einschätzung erntet der erfahrene Handballer keinen Widerspruch. Das Spiel vor der tollen Kulisse von rund 400 Zuschauern hatte einen gemeinsamen Feind: den Ball als Spielverderber. Das Leder war ohne Harz nicht zu beherrschen. Und so nivellierte sich das Niveau zwischen dem Spitzenteam und dem Abstiegskandidaten auf ein ganz dezentes Niveau. Nach diesem Eindruck hatte kein Team etwas in der höchsten Spielklasse Südbadens zu suchen. Die Angst des Ballwerfers vor dem Ball könnte man in Anlehnung an Peter Handkes Erzählung "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" dieses bittere Kapitel überschreiben.

Michael Bohn gestand ein, dass schon früh seine Spieler ihm auf der Bank die Rückmeldung gaben, dass ein Wurf aus dem Rückraum nicht möglich sei, da die Hände schwitzen. Allein die Nervosität vor dem Spiel sorgt beim Sportler für einen höheren Grundumsatz, und damit versucht der Körper durch Schwitzen sich vor Überwärmung zu schützen. Und so nahm das Ballspiel seinen Verlauf mit Fehlern über Fehlern – bei beiden Teams. Vor allem die Qualität ließ die mehr als 100 Fans aus Hofweier sich immer wieder mit Grausen abwenden. Selbst einfache Pässe kamen in der entscheidenden Phase teilweise nicht einmal beim Nebenspieler an.

Die Hofweierer Fans wandten sich mit Grausen ab

"Wir waren total verunsichert", gestand Michael Bohn, der sich vor seine am Boden zerstörten Akteure stellte. Er veränderte schnell die Taktik und setzte auf die Abwehrqualitäten des besten Abwehrverbandes der Liga. "Wir wollten nun einfache Tore aus dem Konter erzielen." Die Abwehr hielt stand. Die Bälle zum Konter gab es auch. Sie wurden zum Teil im frühen Stadium des Gegenstoßes verloren, von den Außen meilenweit am langen Eck vorbei oder an das Gebälk geworfen. So kam ein Puzzlesteinchen der Verunsicherung zum anderen und am Ende fügten sie sich zu einer ganz bitteren Niederlage zusammen. "Wir können doch viel mehr", sagte Michael Bohn und blickte ins Leere.

Der Glaube könne Berge versetzen, besagt ein altes Sprichwort, das seinen Ursprung aus der Bibel hat. Neuere Studien belegen dies. Demnach steigert Aberglaube unsere Leistungsfähigkeit. Aus diesem Glauben zogen die Ballwerfer der SG Kappelwindeck/Steinbach ein hohes Maß an Motivation. Sie verlegten das finale Spiel in die Stadthalle nach Steinbach. Kaum einen Wurf von der gewohnten Heimspielstätte in der Sporthalle der Sportschule entfernt.

Warum? Sie hatten vor Rundenbeginn keinen Zugriff auf die andere Halle. In der Situation des Siegen-Müssens, um die Liga zu erhalten, kam hinzu: In der Stadthalle haben sie noch nie verloren. Prominentestes Opfer war die HSG Konstanz II in ihrem Aufstiegsjahr, verkünden sie auf der Homepage. Seit Samstag teilt auch der HGW Hofweier diese unliebsame Prominenz.

Auch sie hatten sich mit der ohne Harz zu bespielenden Halle befasst und eine Woche lang nur mit klinisch gereinigten Bällen trainiert. Dabei unterlief dem Meisterschaftskandidaten ein wohl folgenschwerer Fehler. Da die Halle auch für die Oberliga zugelassen sei, dürfe zwar nicht mit Harz, aber mit Haftmitteln gespielt werden. Dies bestätigte Spielleiter Hans-Michael Ganter am Donnerstag per Mail. Am Sonntag erklärte er auf Nachfrage: "Ich hatte schon gegen 19.45 Uhr mit einem Anruf aus Steinbach gerechnet, warum Hofweier mit Haftmitteln spielen wolle." Den gab es nicht. Der Ausgang aus Hofweierer Sicht ist leidlich bekannt. Und Steinbach sparte sich das Reinigen der Spielfläche.

HGW Hofweier: Nikolic, Knuth; Neff, T. Stocker 1, St. Stocker 3, F. Herzog, Barbon, M. Herzog 3, See 4/2, Vucetic 1, Kunde 6, Einloth, Dittrich 2. Spiel-Film: 0:3 (6.), 1:3 (7.), 3:4 (10.), 6:4 (16.), 8:5 (26.), 11:8 – 13:10, 16:13 (45.), 16:15 (48.), 18:15 (53.), 21:18 (58.), 21:20 (59.), 23:20. Zuschauer: 400.