Ein Wochenende der Extreme

dpa

Von dpa

Mo, 10. Februar 2020

Skispringen

Viktoria Rebensburg gewinnt am Samstag in Garmisch-Partenkirchen – und verletzt sich am Sonntag.

GARMISCH-PARTENKIRCHEN (dpa). Plötzlich war es mucksmäuschenstill im Zielraum von Garmisch-Partenkirchen. Dort hatten Tausende Ski-Fans am Samstag noch Viktoria Rebensburg für ihren ersten Abfahrtssieg im Weltcup gefeiert – jetzt gingen sorgenvolle Blicke den Berg hinauf. 24 Stunden nach ihrem Coup auf der Kandahar war die beste deutsche Alpin-Sportlerin im Super-G gestürzt. Nach einem Fahrfehler riss es ihr die Ski auseinander, Rebensburg kam zu Fall und blieb neben der Strecke liegen. Erst als sie danach selbst ins Ziel fahren konnte, brandete auf den Rängen Jubel auf.

Nach einem ersten kurzen Check gab Rebensburg vorsichtig Entwarnung, die Bänder im Knie schienen nicht gröber verletzt zu sein. "Ich habe zum Glück nichts gehört", berichtete sie vom Moment ihres Unfalls. "Ich habe mir das Knie angeschlagen an der Stange. Das war bei der Geschwindigkeit ein heftiger Aufprall." Sie rang sich ein Lächeln ab. Danach humpelte die 30-Jährige aus dem Zielraum und wurde ins Garmischer Krankenhaus gefahren. Bei einer MRT-Untersuchung wurden zwar keine Bänderrisse im linken Knie festgestellt, dafür aber ein Bruch des Schienbeinkopfes und eine Innenbandüberdehnung. Die Blessur soll ohne Operation ausheilen. Weil Rebensburgs nun sechs bis acht Wochen nicht Skifahren darf, ist die Saison für sie aber vorzeitig zu Ende.

Was für eine emotionale Wende an einem Wochenende, an dem für Rebensburg das Ski-Märchen in der Abfahrt im Fokus hätte stehen sollen. "Das gehört zum Skisport dazu", so die Olympiasiegerin von 2010, die am Ende des Super-G mit Siegerin Corinne Suter (Schweiz) das Skistadion längst verlassen hatte. "Wenn man Rennen gewinnen will, muss man am Limit fahren. Und das ist bei der Abfahrt aufgegangen." Und wie!

Die Eindrücke müssen erst einmal verarbeitet werden

Ihr Traumlauf am Samstag, der Heim-Triumph vor Fans, Freunden und Familie, ein gewaltiger Vorsprung auf die Konkurrenz, der erste Abfahrtssieg ihrer Karriere: Die beste deutsche Skirennfahrerin wusste, dass es einige Zeit dauern wird, all die Eindrücke zu verarbeiten. "Das war ein Wahnsinnstag", schwärmte sie.

Im strahlenden Sonnenschein war die jüngste Ergebnisflaute plötzlich weit weg. Gelöst ließ sich die sonst oft zurückhaltende Rebensburg im Ziel feiern, grinste und schwang die Faust zum Jubel in die Luft. Eine Woche nach dem Erfolg von Thomas Dreßen setzte Rebensburg die schwarz-rot-goldenen Ski-Festspiele fort. Dabei waren die Voraussetzungen für die erfahrene Sportlerin nicht ideal. Ihre Saison verlief mau, der Sieg im Super-G von Lake Louise war ihre einzige Podestplatzierung. Zuletzt gab es Ärger, weil der deutsche Alpinchef Wolfgang Maier ihr mehr und intensiveres Training empfahl, sie selbst diese öffentliche Aussagen aber deplatziert empfand. Nun schrieb Rebensburg ein kleines Kapitel deutscher Ski-Geschichte: Zehn Jahre nach Maria Höfl-Riesch war sie die erste Deutsche, die auf der Kandahar eine Weltcup-Abfahrt gewann. Im ewigen nationalen Ranking ist sie dank des 19. Sieges bis auf einen Erfolg an Hilde Gerg herangerückt. Häufiger gewannen nur Katja Seizinger (36) und Höfl-Riesch (27).

Was Rebensburg am meisten freute: Nach 14 Erfolgen im Riesenslalom und vier im Super-G gelang der erste Sieg in der Königsdisziplin. Selbst Bundestrainer Jürgen Graller war überrascht vom Rennen seiner besten Athletin.