Solider Fehlersucher in der Weltspitze

Johannes Bachmann

Von Johannes Bachmann

Mo, 02. Dezember 2019

Nordische Kombination

Kombinierer Manuel Faißt in Ruka Sechster, 17. und Achter / Fabian Rießle in glänzender Laufform.

TITISEE-NEUSTADT. Selbstkritik ist der erste Schritt zur Erkenntnis. Ob Eric Frenzel, fünfmaliger Weltmeister und Doppel-Olympiasieger in der Nordischen Kombination und Johannes Rydzek vom SC Oberstdorf, vor drei Jahren vierfacher Weltmeister, schon so weit sind, ihren schwachen Saisonstart in der finnischen Tundra als Warnung zu begreifen, bleibt abzuwarten. Auf dem ebenso attraktiven wie windanfälligen Bakken von Ruka unweit der Provinzmetropole Kuusamo, sprangen die einstigen DSV-Dominatoren der Konkurrenz bei drei Wettbewerben deutlich hinterher und hatten auf der Skatingpiste das Nachsehen. Zwei Asse mit einem Problem. In der Luft ging nichts, weil der zwölffache Einzelweltcupsieger des vergangenen Winters in Finnland noch deutlicher als befürchtet dominierte: Jarl Magnus Riiber, gerade mal 22 Jahre alt, degradierte die weltbesten Kombinierer auf der Schanze dreimal zu Statisten und lief, jeweils mit großem Zeitvorsprung in die Skatingspur gestartet, dreimal zum überlegenen Sieg.

Riiber ist die klare Nummer eins im norwegischen Team, das in Finnland nach Belieben alles gewann: beim Sprint-Wettkampf am Freitag (ein Sprung, 5 Kilometer Skating) stürmten hinter Riiber drei Landsleute aufs Podest, am Sonntag waren fünf Norweger unter den besten sechs. Eine erdrückende Überlegenheit, für die bis vor einem Jahr die deutschen Kombinierer zuständig waren. In Ruka musste das Team von Bundestrainer Hermann Weinbuch, der im Sommer und Herbst vor allem das Sprungtraining forciert hatte, erkennen, dass die Zeit der federleicht erkämpften Wohlfühlsiege vorbei ist. Ernüchterung machte sich nach dem Weltcupstart breit und doch gab es ermutigende Zeichen neuer Stärke: Vinzenz Geiger vom SC Oberstdorf sprintete am Samstag von Sprungrang sieben auf den zweiten Platz – hatte aber 48,8 Sekunden Rückstand auf Überflieger Riiber.

Mit Selbstkritik kennt er sich aus: Manuel Faißt vom SV Baiersbronn, daheim in Oberried, hatte zu Beginn des Sommertrainings Probleme mit der Luftfahrt und stellte sich, geerdet durch positiven Stress bei der Heirat (Herzenssache) und an der Uni (reine Kopfsache) akribisch der Fehlersuche. Bei der Generalprobe auf den Weltcup-Start in Kuusamo zählte der ebenso wortgewandte wie wortkarge 26-Jährige vor einer Woche zu den besten Fliegern – und bestätigte seine Form beim Nordic-Triple am Polarkreis eindruckvoll.

Am Freitag landete er auf der Schanze auf Rang fünf und skatete auf den sechsten Platz, am Samstag lief er auf den zwölften Platz. Am Sonntag profitierte Faißt, weil das zur Frühstückszeit angesetzte Springen vom Winde verweht wurde, von seinem provisorischen Wettkampfsprung am Donnerstag und war auf Rang acht bester Deutscher. "Was der Manu anpackt, hat Hand und Fuß", sagt sein Heimtrainer Albert Wursthorn, "das ist ein schlaues Bürschchen mit viel Potenzial." Ein Lob, dem sich Faißts langjähriger Trainingspartner Fabian Rießle anschließt: "Der Manuel hat’s drauf, da geht noch was." Sorgen hatte sich Rießle vor dem Saisonstart gemacht, weil die Sprungform nicht seinen eigenen Ansprüchen und Wursthorns Hoffnungen entsprach. Zweifel, die ihn voranbrachten. Abgesehen vom provisorischen Wettkampfsprung am Donnerstag, den Rießle in der Kategorie "grottenschlecht" verbuchte und der ihm am Sonntag 4:07 Minuten (!) Rückstand beim Start in die Loipe einbrachte, waren seine Sprünge am Freitag und Samstag auf einem Bakken, den der Hochschwarzwälder noch weniger mag als die Schonacher Langenwaldschanze, im Vergleich mit Frenzels und Rydzeks Hüpfern solide. Die Ränge fünf, 18 und elf waren Rießles Rasanz auf der Skatingpiste geschuldet – am Sonntag lief er er bei 15 Grad minus über zehn Kilometer die zweitschnellste Zeit.