Steilvorlage für den Oscar

Barbara Schweizerhof

Von Barbara Schweizerhof (epd)

Mo, 14. September 2020

Kino

Venedig: "Goldener Löwe" für Chloé Zhaos "Nomadland".

Mit einem Erfolg für Chloé Zhaos Roadmovie ist das 77. Filmfestival in Venedig zu Ende gegangen – und mit Erleichterung über die erfolgreiche Durchführung, die auch eine Demonstration der Vitalität und Wichtigkeit des Kinos als Kunstform war. Mit dem Goldenen Löwen für "Nomadland" bestätigte sich sogar erneut die Oscar-Vorreiterrolle, die Venedig sich in den letzten Jahren erarbeitet hat.

Die übrigen Preise, die die Jury unter Präsidentin Cate Blanchett vergab, deckten ein weites Spektrum von Filmgenres und Ländern ab. So ging die "Silbermedaille" des Festivals, der Große Preis der Jury, an die mexikanische Dystopie "Nuevo Orden" von Michel Franco, der in sehr zynischer Form das unberechenbare Chaos eines fiktiven Aufstands der Besitzlosen gegen die "One Percent" durchspielt. Als bester Regisseur wurde der Japaner Kiyoshi Kurosawa für sein historisches Drama "Wife of a Spy" geehrt, in dem die Rolle japanischer Eliten im Zweiten Weltkrieg problematisiert wird.

Die Geschichte von einst kann heutige Ereignisse hochaktuell reflektieren: So im russischen Film "Dear Comrades!" von Andrej Kontschalowski, der einen lang verschwiegenen Arbeiteraufstand in einer südrussischen Industriestadt nachstellt, fesselnd und voller Ambivalenz und vollkommen verdient mit dem Jurypreis geehrt. Den Platz der wichtigen Entdeckungen nehmen ein junger indischer Regisseur und eine britische Schauspielerin ein. Der Preis fürs beste Drehbuch ging an den Inder Chaitanya Tamhane und seinen Film "The Disciple", der damit zugleich darauf aufmerksam machte, dass es jenseits von Bollywood ein essenzielles indisches Independent-Kino gibt. Und allen, die sie bislang nur als Seriendarstellerin aus "The Crown" kannten, führte die Britin Vanessa Kirby mit gleich zwei Filmen im Wettbewerb vor, welch großes Potential fürs Kino sie besitzt. Ausgezeichnet wurde sie für ihre Rolle in Kornél Mundruczós "Pieces of a Woman", wo sie eine Frau darstellt, die ihr neugeborenes Kind verliert. Das italienische Kino musste sich mit dem Preis für den besten Schauspieler zufriedengeben. Mit Pierfrancesco Favino ging die Coppa Volpi verdientermaßen an einen der großen männlichen Charakterdarsteller des aktuellen europäischen Kinos. In "Padrenostro" verkörpert Favino einen Familienvater, der als Vize-Polizeichef einen Terroristen-Anschlag überlebt.