Helle Köpfe (21)

Stephan Packard erforscht, was Donald-Duck-Hefte lesenswert macht

Petra Völzing

Von Petra Völzing

Sa, 16. Mai 2015 um 00:00 Uhr

Bildung & Wissen

Der Comic als Labor: Der Freiburger Kulturwissenschaftler schaut sich Donald-Duck-Hefte ganz genau an. Was macht die Ente im Matrosenanzug für viele Leser so unwiderstehlich?

Einfallsreiche und kluge Wissenschaftler sind die Grundlage für den Erfolg einer Universität und einer Region. Wir stellen Ihnen in dieser Serie Menschen vor, die den Forschungsstandort Südbaden starkmachen: Helle Köpfe, die in der globalen Wissenschaftswelt eine Rolle spielen, die Herausragendes leisten oder faszinierende Fragen lösen. Heute: der Kulturwissenschaftler Stephan Packard.

Natürlich hat auch Stephan Packard als Kind Comics gelesen. "Dann aber nicht mehr", bemerkt er freundlich lächelnd, Donald Duck und seinesgleichen habe er erst als Student wiederentdeckt. Seitdem liest er die bunten Bildergeschichten wieder mit Spaß, aber nicht nur zum Spaß. Denn aus der spät entdeckten Leidenschaft ist inzwischen ein Beruf geworden. Als Medienkulturwissenschaftler versucht der 36-Jährige unter anderem zu ergründen, was Enten in Matrosenanzügen oder mit Zylinder und Spazierstock für viele so unwiderstehlich macht.

Mit Erfolg: Seine Erkenntnisse haben dem Juniorprofessor von der Universität Freiburg vor kurzem den Heinz-Maier-Leibnitz-Preis eingetragen, der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) an Nachwuchswissenschaftler vergeben wird. Was er mit dem Preisgeld von immerhin 20 000 Euro anfangen wird, weiß er noch nicht genau. Mit ziemlicher Sicherheit wird er es für seinen Forschungsbereich "Mediale Kontrolle" verwenden, der ihm neben der Comicforschung besonders am Herzen liegt.

Der Comic: Ein systematischer Täuschungsversuch

Stephan Packard würde man rein äußerlich betrachtet vielleicht in der Informatik oder in der Halbleiterforschung verorten. Aber da tappt man schon in die Falle, denn genau das ist es, was den Forscher auch an Comics besonders interessiert: die Irritation, die beim Betrachten von Bildern oder von Figuren entsteht. "Wir lassen uns täuschen, weil wir einerseits wissen, dass wir nicht sehen, was wirklich da ist, und dennoch meinen, unsere Gegenüber am Aussehen erkennen zu können", sagt er.

Die Comics spielen genau mit diesem Wesenszug des Menschen. Wir können noch so gebildet sein, wir können uns doch nicht freimachen von Stereotypen, mit deren Hilfe wir unsere Umwelt einordnen. Bei Donald Duck fragen wir uns: Ist das nun eine Ente oder ein Mensch? Die Cartoon-Ästhetik lässt den Leser im Unklaren, aber dieser nimmt die fragwürdige Figur samt der Absurditäten ihrer Comicwelt dennoch gerne hin. "Was wir akzeptieren, ist eine Frage der Ideologie", sagt Packard. "Dass eine Ente wie Dagobert in einem Haus lebt, das voller Geld ist, in dem er dann auch noch badet, ist natürlich nicht real, es ist nicht einmal eine Überzeichnung, es ist eine neue Idee", erklärt er.

Auch Dagobert Duck bekommt eine gesellschaftliche Relevanz

Aber wir akzeptieren: Da ist einer, der ist reich und will immer noch mehr Geld – ein Muster, das uns bekannt ist. Der Leser sagt sich dann: "Natürlich ist das nicht so, wie es dargestellt wird", und kann genau an diesem Punkt, so Packard, anfangen zu reflektieren. So bekommt auch Dagobert Duck eine gesellschaftliche Relevanz.

"Der Comic ist ein Labor des Mediengebrauchs"

Stephan Packard
Was den Juniorprofessor zudem fasziniert: "Der Comic ist ein Labor des Mediengebrauchs, denn er ist im Gegensatz zum Film relativ billig zu produzieren und dennoch jenseits der Schwelle zum Massenmedium." Diese Eigenschaften geben Zeichnern und Autoren die Freiheit, mit Bildern und Anregungen aus anderen Zusammenhängen – aus Karikatur, Buch oder Film – zu spielen und mit ihren Grenzen und Möglichkeiten zu experimentieren.

Abseits vom Mainstream interessiert sich der Forscher deshalb besonders für Comics, die Neues probieren. Die in gewisser Weise alternativ oder kritisch sind und die Gesellschaft mehr von ihrem Rand her betrachten. Einer seiner Lieblinge ist der New Yorker Zeichner Art Spiegelman. Dieser habe zum Beispiel die weltweit bekannten Bildmotive vom Anschlag des 11. September genommen, in seiner Cartoonästhetik in neue Zusammenhänge gebracht und so eine Reflexion der Macht der Bilder und der Mainstream-Medien angestoßen. "Dabei thematisiert er auch sein eigenes Trauma; seine Tochter ging in der Nähe des World Trade Centers in die Schule", erzählt Packard. Dennoch misstraue der Künstler der kollektiven Traumatisierung in den Vereinigten Staaten und der damit verbundenen Schuldzuweisung. Das mache sein Comic deutlich.

Betonung des Täter-Opfer-Schemas mit den Mitteln des Comics

Auch mit Spiegelmans bekanntestem Comic "Maus" hat sich Packard beschäftigt. Er erzählt die Geschichte von Spiegelmans Vater, der als Jude im Dritten Reich Auschwitz überlebte. "Indem Spiegelman die Juden als Menschen mit Mäuseköpfen und die Nazis mit Katzenköpfen darstellt, betont er das Täter-Opfer-Schema sehr stark", so der Forscher. Allerdings sei manchmal zu erkennen, dass es sich um Masken handele. So wird dieses Schema gleichzeitig hinterfragt. "Der Comiczeichner kann sehr frei verfahren", sagt Packard. "Aber es wird auch deutlich, dass es nicht harmlos ist, eine Figur zu zeichnen, dabei müssen bewusste Entscheidungen darüber getroffen werden, auf welche Weise dies geschehen soll."

Auch Karikaturen, besonders, wenn es sich um Barack Obama handelt, sind dafür ein gutes Beispiel, findet Packard. Es gehört zum politischen Kommentar, den amerikanischen Präsidenten zu karikieren, die Frage ist nur wie? Hier steht die Cartoonästhetik vor einem Dilemma und kommt doch nicht an dem Thema vorbei: Eine karikierende Überzeichnung Obamas rückt sehr schnell in die Nähe einer rassistischen Darstellung. Nicht karikieren geht aber auch nicht. Hier wird auch besonders anschaulich, wie tief die Stereotypen über ein spezifisches Aussehen noch sitzen. Dabei gebe es sogar Studien, die belegen, dass Gesichter ohne den entsprechenden Kontext oft keiner bestimmten Hautfarbe zugeordnet werden können, bemerkt der Forscher.

Die Macht der Bilder ist dennoch ungebrochen. Die Frage nach ihrem Einfluss stellt Packard auch in seinem Forschungsschwerpunkt "Mediale Kontrolle". Als Herausgeber einer Online-Zeitschrift beschäftigt er sich mit wichtigen Fragen, die der heutige Mediengebrauch aufwirft: zum Beispiel die Fragen nach dem Urheberrecht, nach Zensur, nach Meinungs- und Pressefreiheit oder Jugendschutz im digitalen Zeitalter. Letztendlich fragen er und seine Kollegen danach, welchen Mächten der Mediengebrauch heute unterworfen ist. Im digitalen Zeitalter funktionieren die alten Regeln nicht mehr. Darüber, wie jetzt zu verfahren ist, wird erbittert gestritten.

Pressefreiheit für jedermann – kann das funktionieren?

Wichtig ist Packard zum Beispiel, den Unterschied zwischen Presse- und Meinungsfreiheit zur Diskussion zu stellen. "Früher war die Pressefreiheit eine Errungenschaft der politischen Emanzipation. Heute kann ja jeder publizieren, aber inzwischen wird manchem Blogger mit Verweis auf die Pressefreiheit dieses Recht abgesprochen, eben weil er nicht zur Presse gehört", da stimme etwas nicht, argumentiert Packard.

Auch gegen das heiß diskutierte "Recht auf Vergessenwerden" spricht sich der Forscher aus. So haben Privatpersonen bereits dagegen geklagt, dass Dinge aus ihrer Vergangenheit Jahre später noch im Netz zu finden sind. "In dem Gerichtsverfahren ging es nur um die Suchergebnisse bei Google, die zu löschen waren. Die Inhalte selbst bleiben ja im Netz", erklärt der Medienexperte. Da bestehe die Gefahr, dass kapitalstarke Gruppierungen ihre eigenen Suchmaschinen entwickeln, mit denen sie alles finden, während der Normalsterbliche auf Google angewiesen bleibe, und damit vom verfügbaren Wissen potentiell abgeschnitten wird.

Packard geht es darum, zu diesen wichtigen Themen Diskussionen anzustoßen, die auch den historischen Zusammenhang und die unterschiedlichen Sichtweisen mit einbeziehen. Wie sieht das zum Beispiel der Jurist oder der Feuilletonist. Wie sieht es gar der Zensor? All diese Aspekte sind nach Packards Einschätzung hilfreich, um in diesen Fragestellungen voranzukommen.