Südkorea will von Denzlingen lernen

Sebastian Krüger

Von Sebastian Krüger

Mo, 10. Mai 2021

Denzlingen

Shin Whea Kim dreht für ein internationales Symposium einen Film über Waldkindergärten in Denzlingen.

Etwa zwei Drittel der Landesfläche Südkoreas ist bewaldet, fats doppelt so viel wie in Deutschland. Weit weniger verbreitet sind in dem ostasiatischen Staat hingegen Waldkindergärten. Dies sagt zumindest die Denzlingerin Shin Whea Kim. Die gebürtige Koreanerin hat Pädagogik an der Uni Freiburg studiert und arbeitet als Referentin für den Verband der Natur- und Waldkindergärten in der Republik Korea. Für ein internationales Symposium hat sie nun einen Film über die Arbeit von Waldkindergärten in Deutschland gedreht – am Beispiel Denzlingens.

. "Ich will die Erzieherinnen in den koreanischen Kindergärten inspirieren, mehr mit den Kindern in die Natur zu gehen", sagt Kim. Denn das Interesse an wald- und naturpädagogischen Konzepten in ihrem Heimatland sei gestiegen, seit die Themen Natur- und Klimaschutz mehr und mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt seien. Der Haken: Es fehlt an Erfahrungswerten. Vereinzelt gebe es zwar einige Waldkindergärten in der Republik Korea, doch den meisten Menschen seien diese weitgehend unbekannt.

"In Korea gibt es eine ganz andere Betreuungskultur", sagt die 42-Jährige. Sie spricht von einem "Top-Down-System", in dem die Zentralregierung pädagogische Pläne und Leitlinien vorgebe, die die Erzieherinnen recht strikt befolgten. Im Ergebnis sei das Bildungs- und Betreuungswesen weniger vielfältig als in Deutschland. Doch die Zeichen stünden auf Wandel. Die Koreaner seien neugierig, wollten vom Ausland lernen, so Kim.

Aus diesem Grund bietet der Verein jährlich ein Symposium an, zu dem in der Vergangenheit internationale Gäste eingeflogen seien. Wegen Corona findet es in diesem Jahr digital statt. Für ihren Film hat Kim unter anderem Anne-Kathrin Uehlin-Mick, Leiterin des Waldkindergartens am Mauracher Berg, Petra Fehrenbach, Erzieherin, Bernd Nold, Forstrevierleiter, und Achim Karduck, Vorstand Aktion Lebensraum, interviewt. Sie will den Zuschauern den Alltag im Waldkindergarten näherbringen, die pädagogischen Konzepte erklären und zeigen, wie eine Kommune diese fördern kann.

"Ich bin keine professionelle Filmemacherin", betont Kim, die ihre Gesprächspartner mit ihrem Smartphone gefilmt und geschnitten hat. Ende Mai soll der Film fertig sein. Bis dahin wird sie viele Stunden Arbeit in das Projekt investiert haben, das sie Anfang April begonnen hatte. "Fast immer, wenn mein Junge vormittags im Kindergarten war, habe ich mich zwei, drei Stunden an das Projekt gesetzt", so Kim.

Ihr Sohn Lucas besucht den Waldkindergarten Am Mauracher Berg. So fiel es ihr auch nicht schwer, die ersten Kontakte zu knüpfen. Doch dass sie sich für Denzlingen als Paradebeispiel entschied, hatte auch einen anderen Grund: Die Zusammenarbeit in der Gemeinde sei sehr gut, sagt sie. "Träger, Eltern, Gemeinde, Erzieherinnen – alle ziehen an einem Strang." Und der Fokus sei nicht auf den Wald beschränkt. Die Kindergärten böten viele Aktivitäten an, bei denen die Kinder nicht unter ihres gleichen blieben, sondern mit breiten Teilen der Denzlinger Bevölkerung in Kontakt kämen. Auch durch den Standort der Hütte im Stadtpark seien die Kinder "mitten drin im Denzlinger Leben". Das Ergebnis lasse sich an den Zahlen ablesen. Im Film wird der Denzlinger Bürgermeister Markus Hollemann erklären, dass 19 Prozent der Kindergartenkinder im Ort einen Waldkindergarten besuchen. Laut Bürgermeister ein Spitzenwert innerhalb Baden-Württembergs, vermutlich sogar innerhalb Deutschlands.

Und das Potential scheint dabei noch lange nicht ausgeschöpft zu sein. Auf den Spielplätzen der Gemeinde unterhielten sich Eltern oft über die Kindergärten ihrer Sprösslinge, sagt Kim. "Wenn ich dann erzähle, dass mein Sohn einen Waldkindergarten besucht, werden viele neidisch." Weil sie sich auch um einen Platz beworben, aber keinen bekommen hätten. Dass die Kinder sich im Waldkindergarten den ganzen Tag an der frischen Luft und in der Natur aufhielten, begrüßt Kim. In Südkorea gebe es in manchen Kindergärten sogenannte Waldgruppen. In denen gehen die Kinder ein- zweimal die Woche für eine Stunde in den Wald, verbrächten den Großteil ihrer Zeit aber in geschlossenen Räumen. "Dabei ist es für Kinder so wichtig, im Freien zu spielen, die Natur zu erleben", sagt Kim. Sie will beobachtet haben, dass sich Kinder draußen anders verhielten und neugieriger seien. Nun hofft sie, dass die natürliche Neugierde der Kinder auch auf ihre Landsleute in Korea beim Schauen des Films überschwappt.