Buchen

Elefant tötet Rentner im Odenwald - Debatte über Zirkustiere

Nico Pointner

Von Nico Pointner (dpa)

Mo, 15. Juni 2015

Südwest

Der aggressive Elefant ist kein Ersttäter: Der tragische Tod eines Spaziergängers in Buchen heizt die Debatte um die Haltung von Zirkustieren wieder an.

BUCHEN. Eine tragische Begegnung von Mensch und Tier: Ein 65-jähriger Mann verlässt am Samstag bei Tagesanbruch seine Wohnung in der Stadt Buchen im Odenwald. Wie üblich sammelt er beim morgendlichen Spaziergang Pfandflaschen und Dosen. Gegen 5.30 Uhr trifft er auf einen Afrikanischen Elefanten. Das Tier mit Namen Baby ist aus einem in der Nähe gastierenden Zirkus ausgebüxt. Die Elefantenkuh geht auf den Spaziergänger los und tötet ihn auf der Stelle.

Es ist nicht das erste Mal, dass Baby einen Menschen angreift. Schon mehrfach hat der 34 Jahre alte Elefant, auch Benjamin genannt, Menschen verletzt: 2010 schleudert er bei einem Betriebsfest in Leutkirch einen 24-Jährigen in die Luft, der seinen neun Monate alten Sohn auf dem Arm trägt. Der Mann verliert eine Niere, das Kind bricht sich das Bein. 2012 bricht Baby einem 12-Jährigen in Burladingen mit dem Rüssel den Kiefer. Der Junge hatte während einer Tierschau die Sicherheitszone betreten. Tierschützern zufolge verletzte die Elefantenkuh bereits 2000 in Nordhessen eine Frau so schwer, dass sie ins Krankenhaus musste. Laut Polizei war dem Besitzer jedoch bislang kein strafbares Verhalten vorzuwerfen.

"Dass dieser Elefant gefährlich ist, war und ist bekannt", kritisiert dagegen Tobias Dornbusch. Der Diplombiologe befasst sich seit 20 Jahren mit Elefanten und arbeitet für die European Elephant Group, eine Organisation zum Schutz von Zoo- und Zirkuselefanten. Dornbusch erstellte vor zwei Monaten für eine Behörde ein Gutachten über Baby. Er habe eine Verhaltensneurose beobachtet, erzählt er. "Das ist ein Indikator für schlechte Haltung." Zum Fall Buchen sagt er: "Das größere Wunder ist nicht, dass es einen Toten gab, sondern, dass es erst einen Toten gab und nicht noch viel mehr."

Rund 50 Zirkuselefanten führen in Deutschland noch Kunststücke in der Manege vor: Sie machen Männchen oder gehen vor dem Publikum auf die Knie. Der Angriff belebt nun die Debatte darum, ob die Behörden dagegen vorgehen sollten.

Seit Jahrzehnten fordern Tierschützer ein Verbot exotischer Tiere im Zirkus. Sie kritisieren zu kleine Gehege, ständige Transporte oder die aus ihrer Sicht von Gewalt und Zwang geprägte Dressur. Elefanten, Großkatzen oder Bären fehle es an Bewegung und sozialen Kontakten. "Alle 50 Zirkuselefanten, die es noch in Deutschland gibt, sind tickende Zeitbomben", sagt Peter Höffken von der Tierschutzorganisation Peta. Baby sei verhaltensgestört, auch weil sie einzeln gehalten werde. Peta will Zirkus und Behörden wegen fahrlässiger Tötung anzeigen.

"Das ist ein schrecklicher Unfall", sagt Dirk Candidus vom "Aktionsbündnis Tiere gehören zum Circus". Es sei aber kein Tierschutz-, sondern ein Sicherheitsproblem. "Wenn ein Mitglied der Zirkusfamilie dabei gewesen wäre, wäre es nie dazu gekommen."

"Die meisten von diesen Tierrechtlern waren seit vielen Jahren nicht mehr im Zirkus", beschwert sich auch Max Siemoneit-Barum, Tierschutzbeauftragter beim Circus Krone. Der Münchner Zirkus habe selbst sechs Elefanten und werde ständig von Veterinärämtern kontrolliert. "Der Zirkus ist der am meisten kontrollierte Betrieb in Deutschland", sagt er. Die Standards hätten sich erheblich verbessert.

Mehrere Staaten haben trotzdem Wildtierverbote für Zirkusse verhängt, so Belgien, Österreich und Finnland. Laut einer Umfrage vom März sind zwei Drittel der Deutschen gegen Elefanten, Giraffen oder Tiger in der Manege. Nach dem tödlichen Angriff sind die Tage der Kunststücke für Baby gezählt: Die Elefantenkuh soll in einem Tierpark ein neues Zuhause finden. Dessen Namen nennt die Polizei nicht: "Sonst geht es dort ab mit den Tierschützern."