Experten wollen weniger Lärm

Roland Muschel und dpa

Von Roland Muschel & dpa

Sa, 23. Februar 2019

Südwest

Die Dezibel-Grenzwerte in Deutschland gelten als überholt.

STUTTGART. Im Kampf gegen Verkehrslärm sehen Experten Handlungsbedarf. Sie fordern eine Absenkung entsprechender Dezibel-Grenzwerte. Auf eine Initiative des baden-württembergischen Lärmschutzbeauftragten Thomas Marwein (Grüne) hin, unterzeichneten Wissenschaftler aus dem In- und Ausland am Freitag in Stuttgart eine entsprechende Erklärung.

Bisher gelten tagsüber Lärmwerte ab 70 Dezibel und nachts ab 60 Dezibel als gesundheitsgefährdend. Diese Schwellenwerte seien deutlich zu hoch, kritisierte Marwein nach dem Treffen mit Experten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Fachleute – vom Schweizer Bundesamt für Umwelt, vom Österreichischen Ring für Lärmbekämpfung oder von der Universitätsklinik Essen – empfehlen, die Werte in einem ersten Schritt um fünf Dezibel zu senken. Mittelfristig solle der durch Straßenverkehr verursachte Lärmpegel auf weniger als 53 Dezibel am Tag und 45 Dezibel in der Nacht sinken, fordern sie in einem Memorandum.

Die heutigen Werte seien überholt, sagte der Hagener Umweltpsychologe Dirk Schreckenberg. Sie lägen 15 Dezibel über den Empfehlungen, welche die Weltgesundheitsorganisation im Oktober herausgegeben hat. Bei den Gesundheitsrisiken, so Schreckenberg, gehe es nicht nur um Hörschäden, sondern um Stress, Schlafstörungen und Kreislauferkrankungen. Er sprach von einem schleichenden Prozess. "Herzerkrankungen, die haben Sie nicht von heute auf morgen. Es ist nicht so, dass sie einen Lkw hören und dann fallen sie tot um." Aber 25 Jahre lang 60 Dezibel seien ein Problem.

Die Grenzwerte für gesundheitsgefährdenden Lärm sind nach Angaben des baden-württembergischen Verkehrsministeriums nicht individuell einklagbar. Sie würden aber von Verwaltungsgerichten für Urteile herangezogen. Das Verkehrsministerium erhofft sich von dem Vorstoß einen besseren Schutz für Betroffene. Die Werte spielten beim Straßenbau und dem Bau von Bahnstrecken eine wesentliche Rolle, sagte Christoph Erdmenger, Leiter der Abteilung für Nachhaltige Mobilität im von Winfried Hermann (Grüne) geführten Verkehrsministerium. Bisherige Standards beim Lärmschutz würden Betroffene nicht immer zufriedenstellen. Auch Kommunen hätten im Kampf gegen Verkehrslärm mit niedrigeren Grenzwerten mehr Spielraum. Deren Behörden könnten damit etwa eher Tempolimits zum Lärmschutz verhängen.

Adressat der Forderungen des Lärmschutzbeauftragten und der Wissenschaftler ist Berlin. "Wir sehen den Haupthandlungsbedarf beim Bund", sagte Erdmenger. Bei Landesstraßen setze Baden-Württemberg bereits auf die von Fachleuten als ersten Schritt geforderte Grenzwertverschärfung von 65 Dezibel tagsüber und 55 Dezibel nachts. Der meiste Lärm entstehe auf Bundesstraßen.

Marvein sagte, man wolle das Gespräch mit der Bundesregierung suchen. Vorstellbar sei eine Bundesratsinitiative. Dazu müsste aber der Regierungspartner CDU seinen Segen erteilen. Bislang hat die CDU sich nicht positioniert.