Corona-Neuinfektionen

Mit dem Urlaubsbeginn wächst die Angst vor einer zweiten Welle

Klaus Riexinger

Von Klaus Riexinger

So, 02. August 2020 um 10:19 Uhr

Südwest

Das Coronavirus hatte es in Deutschland nicht so leicht, sich auszubreiten wie in anderen Ländern. Doch seit einiger Zeit steigen die Fallzahlen wieder – auch in Südbaden. Droht eine zweite Welle?

Die Fallzahlen Corona-Infizierter steigen auch in Südbaden wieder leicht an. In der Uniklinik Freiburg befinden sich derzeit vier Patienten, davon zwei auf der Intensivstation – nachdem die Corona-Stationen zuvor wochenlang leer waren. Das Gesundheitsamt Freiburg warnt davor, in die Verhaltensmuster vom Februar zurückzufallen und spricht von einer "Waldbrandgefahr".

Mit wenigen Einschränkungen viel hinbekommen

"Mir war es immer bewusst, dass wir einen hart erkämpften Erfolg haben, der auch international große Beachtung fand", sagt Oliver Kappert, Leiter des Gesundheitsamtes in Freiburg und selbst Mediziner. Deutschland habe mit relativ wenigen Einschränkungen sehr viel hinbekommen. Die Zahl der Neuinfektionen sei in der Region nahezu auf null gesunken – bis das Virus wieder von außen eingeschleppt worden sei, sagt Kappert. Verbreitet habe es sich dann dort, wo sich Menschen im Lockdown noch begegnet seien: entweder zuhause oder am Arbeitsplatz. Weil die Gruppenzahl streng limitiert war, blieben aber die Infektionsherde überschaubar.

Kappert hält diese "kleine Ausbruchssituation" für bewältigbar. Aber er weist darauf hin, dass sich an der Gesamtsituation nichts Grundlegendes geändert habe. Das Damoklesschwert einer zweiten Welle schwebt über der Gesellschaft. Ob sie kommt, liegt an den Menschen selbst. "Je mehr Begegnungen möglich sind, desto höher ist das Risiko", sagt Kappert. Seine Devise lautet: "Jeder muss die Verantwortung dafür übernehmen, dass er niemanden ansteckt – mit dieser Einstellung hält jeder automatisch den Abstand ein."

Mit der jetzt einsetzenden Reisezeit dürften die Fallzahlen aber weiter steigen. Um die Gefahr etwas einzudämmen, hat das Bundesgesundheitsministerium Risikogebiete mit mehr als 50 Neuinfizierte pro 100 000 Einwohner ausgewiesen. Am Freitag waren neben Luxemburg Teile von Spanien betroffen: Barcelona, die Strände der Costa Brava sowie die Regionen Aragon und Navarra. Das Robert-Koch-Institut hat ebenso von Reisen in diese drei spanischen Regionen abgeraten.

Risikogebiet: Land weist Bedienstete auf Folgen hin

Seit dieser Woche gilt: Reiserückkehrer aus offiziell eingestuften Risikogebieten müssen 14 Tage in häusliche Quarantäne und er soll sich beim zuständigen Gesundheitsamt melden. Alternativ kann ein negatives Corona-Testergebnis vorgelegt werden. Das darf aber nicht älter als zwei Tage sein. Für kommende Woche ist zudem eine Corona-Testpflicht für diese Gebiete angekündigt. Alle anderen Reiserückkehrer können sich kostenfrei testen lassen. Gesundheitsamtschef Kappert appelliert an die Vernunft der Menschen und rät, Urlaubsziele mit Augenmaß zu wählen. "Man muss auch nicht alles machen, was erlaubt ist." Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat diese Woche sogar ganz von Auslandsreisen abgeraten, weil sie in solchen Zeit einfach nicht angemessen seien. Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) und bei den Landtagswahlen im Frühjahr Herausforderin von Kretschmann hält dagegen: Sie wolle niemandem vorschreiben, wohin sie reisen sollen.

Am Freitag hat auch das Landesinnenministerium auf die einsetzende Reisezeit im Land reagiert. Innenminister Thomas Strobl (CDU) gab bekannt, dass Bedienstete des Landes die Nachteile zu tragen hätten, wenn sie in eines der Risikogebiete reisten. In der anschließenden Quarantäne müssten sie – sofern möglich – im Homeoffice arbeiten, ein ärztliches Zeugnis vorlegen, für die Quarantänezeit regulären oder unbezahlten Urlaub nehmen. Auch Strobl appelliert an die Bediensteten, sich verantwortungsvoll zu entscheiden.

Am wenigsten Chancen hätte das Virus, wenn der Lockdown wieder eingeführt werden würde. Schließlich ist das Virus an die mobile Gesellschaft optimal angepasst. Da dies allein aus wirtschaftlichen Gründen nicht möglich ist, raten Mediziner zu so wenig Mobilität wie möglich. Dabei gilt es die "Aha-Regel" zu befolgen: Abstand, Hygiene und Alltagsmaske – und: Wer krank ist, bleibt zuhause. Lockerungen sollten nur langsam und systematisch erfolgen. "Bis man lernt, was passiert, dauert es einfach ein bisschen", sagt Kappert.

Polizei in Freiburg setzt auf mündliche Verwarnungen

Die Polizei teilt mit, dass der Großteil der Menschen sich an die Regeln hält. Durch die Lockerungen sei aber "eine gewisse Normalität eingekehrt", so Özkan Cira, Sprecher des Polizeipräsidiums Freiburg. Bei der Durchsetzung der Corona-Regeln gehen die Einsatzkräfte mit Augenmaß vor. Meistens reiche ein aufklärendes Gespräch oder eine mündliche Verwarnung. Bußgelder verhänge die Polizei erst bei groben oder wiederholten Verstößen. Cira betont aber, dass die Verfolgung von Verstößen anfangs leichter gewesen sei. Mit der Zunahme der Ausnahmen seien Kontrollen oder gar Bestrafungen teilweise nur noch bedingt möglich.

Sollte es zu einer zweiten Corona-Welle kommen, sehen sich die deutschen Gesundheitsämter schlecht dafür vorbereitet, weil sie viel zu knapp besetzt seien, sagte Ute Teichert, Bundesverbandsvorsitzende der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. "Mit den steigenden Zahlen rollt ein riesiges Problem auf uns zu." So ganz will der Leiter des Freiburger Gesundheitsamtes dem nicht widersprechen: "Wir sind mit personellen, organisatorischen und technischen Verbesserungen beschäftigt, um für wieder steigende Fallzahlen gewappnet zu sein."

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