Porträt

St. Blasien: Die lautlosen Schreie hören

Petra Kistler

Von Petra Kistler

Di, 07. Dezember 2010 um 00:00 Uhr

Südwest

Johannes Siebner hat als Direktor des jesuitischen Kollegs St. Blasien den Missbrauchs-Skandal miterlebt. Er entschuldigte sich bei den Opfern. Ihr Wohl war ihm wichtiger als der Ruf seiner Schule. Ein Porträt.

Die Geschichte lässt ihn nicht los. Wie auch? Pater Johannes Siebner ist Mitglied eines Ordens, den er selbst als Täter-Institution bezeichnet; es waren seine Mitbrüder, die in katholischen Schulen Nähe und Zuneigung in Herrschaft und Gewalt umschlagen ließen. Der Jesuit ist Direktor einer Schule, an der es zu Übergriffen kam. Er war Schüler am Canisius-Kolleg in Berlin, wo unsägliche Dinge geschahen, unter den Betroffenen sind auch seine Schulfreunde. Er saß am "Eckigen Tisch". So heißt die Initiative, bei der sich mehr als 40 Missbrauchsopfer mit Vertretern der Täterseite auseinandersetzten.

Es waren anstrengende Monate, aufwühlende Erinnerungen, ein aufreibender Prozess – aber es gibt keine Alternative. "Zum Glück haben wir diese Debatte", sagt Johannes Siebner.

Der Direktor des Kollegs St. Blasien ist kein Typ, der die Wahrheit in Watte packt. "Wenn eine Eiterbeule aufplatzt, dann stinkt es nun mal." Das ist so ein typischer Siebner-Satz. Einer von vielen, Siebner redet schnell. Er sitzt in seinem Büro, auf seinen grauen Pullunder ist das Zeichen der Jesuiten eingestickt. Er will nichts beschwichtigen oder beschwören. Er sei ganz ruhig und klar, sagt er – und muss doch unvermittelt aufspringen und tief durchatmen, so bewegt ihn die Auseinandersetzung mit der Geschichte.

Die Täter wurden geräuschlos versetzt. Die Opfer wurden vergessen.

Es ist die Geschichte eines Skandals: Am 21. Januar 2010 schrieb der Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, Klaus Mertes, einen Brief an 600 ehemalige Schüler; der Ordensmann machte öffentlich, dass bis in die neunziger Jahre Schüler systematisch missbraucht wurden.

Es waren zudringliche Gespräche hinter verschlossenen Türen. Es war die Aufforderung, die Genitalien zu ...

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