Um 17 Uhr: Aufschrei

Jakob Schönhagen

Von Jakob Schönhagen

So, 03. März 2019

Südwest

Der Sonntag Für gleiche Rechte: Kommende Woche am 8. März wollen Frauen die Arbeit niederlegen.

Am kommenden Freitag ist Weltfrauentag. Unter dem Slogan "Wenn wir die Arbeit niederlegen, steht die Welt still" wollen Frauen nicht nur Reden halten, sondern streiken – auch in Freiburg.

In 100 deutschen Städten legten 1994 über eine Million Frauen ihre Arbeit nieder, um auf die Missstände, Diskriminierung und Ungleichheit aufmerksam zu machen. Ins kollektive Gedächtnis aber hat sich der Streik nicht eingebrannt. Egal, wen man fragt – die feministische Geschichtswerkstatt, das Aktionskomitee, das den Streik für kommenden Freitag vorbereitet, oder die Rechtsanwältin Brigitte Kiechle, die 1994 in Baden zu den Protagonistinnen gehörte – ob auch in Freiburg 1994 für Frauenrechte auf die Straße gegangen wurde? Da ist sich keiner so richtig sicher.

"Die Aktion damals hatte zwei Vorbilder", erzählt Rechtsanwältin Kiechle, die den Freiburgerinnen zur Seite steht. In Island hatten Frauen 1975 zu einem Streik aufgerufen. 90 Prozent der weiblichen Bevölkerung folgten dem Aufruf und säumten die Straßen Reykjaviks. Im Juni 1991 folgte die Schweiz dem Beispiel. Der Streik wurde zur größten politischen Mobilisation der Schweiz seit dem Generalstreik von 1918.
"Das war damals für uns der Anlass: Wenn es die Frauen in unserem Nachbarland können, können wir das auch", berichtet Kiechle. Nach der Wende hatten frauenpolitische Themen im wiedervereinten Deutschland an Brisanz gewonnen. Spätestens nach dem der Versuch, mehr Frauenrechte in der gesamtdeutschen Verfassung zu verankern, gescheitert war. Nach dem sogenannten Abtreibungskompromiss des Verfassungsgerichts im Frühjahr 1993 gewann die Streikidee an zusätzlicher Dynamik. In anderthalb Jahren Vorbereitungszeit wurden Aktionskomitees in 100 Städten gegründet. Sie machten aufmerksam auf Ungerechtigkeit, Gewalt, ungleiche Löhne. Der Streik wurde zum Erfolg.

In Spanien legten fünf Millionen die Arbeit nieder

In Vergessenheit ist er dennoch geraten. "Erst als Frauen 2016 in Argentinien gegen sexuelle Übergriffe demonstriert haben, kam die Idee wieder auf", sagt Kiechle. Der erfolgreiche Frauenstreik letztes Jahr in Spanien schließlich, ließ die Idee zur Aktion reifen. Vor einem Jahr legten über fünf Millionen spanische Frauen, inklusive der Königin in Madrid, ihre Arbeit nieder. Ein halbes Jahr später riefen Kerstin Wolter und Alex Wischnewski von der Linkspartei für den 8. März 2019 zum bundesweiten Streik auf.

"Dem Aufruf Aktionskomitees zu gründen, sind hier in Freiburg rasch über 20 Frauen gefolgt", erzählt Luna Schmitt, die zu den Organisatorinnen in Freiburg gehört. In 38 deutschen Städten sind Aktionen geplant. In Freiburg hat das Aktionskomitee eine Menge vor: Am Freitag öffnen ab 10 Uhr mehrere Streikcafés, um die Mittagszeit ist zur kämpferischen Mittagspause aufgerufen, um kurz vor 12 Uhr zum Sitzstreik im Betrieb, auf 17 Uhr ist eine größere Demonstration anberaumt, gleichzeitig findet ein bundesweiter Aufschrei statt, im wahrsten Sinne des Wortes. "Dabei steht das Recht auf Wehrlosigkeit im Mittelpunkt, wir wollen für ein Ende der Schuldumkehr plädieren", erklärt Schmitt. In Freiburg wendet sich das gegen die Warnung des Polizeipräsidenten Bernhard Rotzinger, Frauen sollten sich nicht wehrlos mit Alkohol oder Drogen machen.

"Alle Frauen sind aufgerufen, sich zu beteiligen. Egal ob in der Produktions- oder der Reproduktionsarbeit", sagt Kiechle. In Bezug auf die Beteiligung kommenden Freitag ist sie bei allem Wohlwollen skeptisch: "Eigentlich ist ein halbes Jahr Vorbereitung zu kurz." Sie und die bundesweiten Organisatorinnen hoffen daher, dass der Streik ein Auftakt für eine größere Aktion 2020 ist. Bis dahin wollen sie auch die Gewerkschaften an Bord holen.Dann soll die Aktion wieder das Ausmaß von 1994 erreichen. Und in Erinnerung bleiben.