Energieversorgung

Der Einsturz des Energieverbrauchs hat keine Auswirkungen auf die Preise

Annette Mahro

Von Annette Mahro

So, 26. April 2020 um 17:29 Uhr

Südwest

Der Sonntag Infolge der Corona-Krise ist der Energievebrauch massiv eingebrochen. Zu spüren bekommen das die Verbraucher aber nicht, denn auf die Preise hat der Einsturz vorerst keine Auswirkungen.

Versorgungssicherheit ist oberstes Gebot, deshalb greifen auch bei regionalen Energieversorgern wie Badenova oder Energiedienst mehrstufige Pandemiepläne. Persönliche Kundenkontakte werden, wo immer möglich, vermieden. In den Schaltzentralen gelten strenge Zutritts- und Verhaltensregeln. Arbeiten, die nicht zwingend nötig sind, werden vertagt, Dienstreisen und Veranstaltungen sowieso. Schließlich ist Energieversorgung nicht weniger systemrelevant als der Medizin- oder Lebensmittelsektor. Ohne Strom funktioniert auch kein Beatmungsgerät.

"Es herrscht eine geordnete, angespannte Ruhe" Rudolf Gebert
Für Beschäftigte, die direkt für die Aufrechterhaltung der Versorgung mit Strom, Gas oder Wasser verantwortlich sind, gelten deshalb besondere Vorsorgemaßnahmen. Bei der Badenova-Tochter BN-Netze wird etwa, wo immer möglich, in voneinander getrennten Räumen gearbeitet. "Es herrscht eine geordnete, angespannte Ruhe", sagt Rudolf Gebert, der Leiter der Freiburger BN-Netze-Verbundwarte. Dasselbe gilt bei Energiedienst in Rheinfelden. Auch hier ist die Netzleitstelle als spezielle Sicherheitszone ausgewiesen.

"Nur wer vor Ort arbeitet, kommt rein", sagt Energiedienst-Sprecher Alexander Lennemann. Noch mehr als üblich werde auch Wert darauf gelegt, Kenntnisse zu teilen. "Wir haben sonst ein Problem, falls Leute ausfallen, die ein ganz spezielles Wissen haben." Anstatt mit drei bis vier Beschäftigten arbeite man derzeit nur mit jeweils zwei Mitarbeitern in der Verbundleitstelle, sagt Michael Scheibel von der Energiedienst-Tochter ED Netze. Der zweite Teil der Schicht arbeitet im wöchentlichen Wechsel im Homeoffice. Zudem wurde ein Notfallhandbuch geschrieben.

Für größere Unfälle ist man in Rheinfelden ohnehin gewappnet

So etwas wie Quarantänebetrieb mit Dauerpräsenz und Feldbetten gilt es auf jeden Fall zu vermeiden. Theoretisch ist aber für alles vorgesorgt und es gibt eine zusätzlich Notleitstelle in Donaueschingen, die gegebenenfalls einspringen könnte. Am Chemiestandort Rheinfelden ist man ohnehin für einen größeren Unfall gewappnet. Schon deshalb ist ein ausreichend großer Abstand der Leitstellen nötig. Sowohl bei Badenova- als auch bei Energiedienst endet die Zuständigkeit aber bei Störungen vor Ort und Einsätze erfolgen dann, wenn irgendwo der Strom ausfällt.

Für die übergeordnete Netzstabilität ist dagegen die Transnet BW mit Sitz in Stuttgart verantwortlich. Schließlich darf, um die Frequenz stabil zu halten, immer nur gleichviel Strom erzeugt werden, wie verbraucht wird. Da derzeit aber der industrielle Verbrauch stark zurückgegangen und der private nur minimal angestiegen ist, gibt es mehr Ausgleichsbedarf als sonst. Hinzu kommt, dass das Frühjahr 2020 außergewöhnlich viele Sonnenstunden zählt und der Wind überdurchschnittlich oft bläst. Fällt dadurch zu viel Strom an, werden konventionelle Kraftwerke zeitweise heruntergefahren und umgekehrt große Pumpspeicheranlagen aktiviert.

Existenzielles Problem werde es kaum geben

Wirtschaftlich treffen die niedrigen Strompreise die Versorger unterschiedlich. Bei Badenova fällt das Thema Produktion trotz einer Vielzahl an Beteiligungen weniger ins Gewicht. "Wir haben eine sehr breit gefächerte Eigenproduktion und bauen das derzeit weiter aus", erklärt Sprecherin Yvonne Schweickhardt. "Natürlich kaufen wir aber auch an der Strombörse zu." Bei Energiedienst, die allein drei Rheinkraftwerke betreibt, spürt man den sinkenden Verbrauch stärker. "Das werden wir am Ende des Jahres in unseren Büchern feststellen", sagt ED-Sprecher Lennemann. Ein existenzielles Problem werde es aber kaum geben.

Ähnlich ist die Lage bei den Elektrizitätswerken Schönau. "Wenn der Preis verfällt und irgendwann negativ wird, dann trifft uns das beim Erzeugungspark anteilig", sagt EWS-Vorstand Sebastian Sladek. Bei einem negativen Strompreis, wenn also Einspeiser für die Abnahme ihres Stroms auch noch bezahlen müssen, werden Solar- oder Windkraftanlagen, wie sie EWS betreibt, zentral "abgeregelt": Das heißt, der erzeugte Strom wird nicht mehr ins Netz eingespeist. Die Entscheidung darüber fällen die großen Leitwarten, die die Netzfrequenz überwachen und die Stabilität gewährleisten müssen. "Darauf haben wir als Betreiber keinerlei Einfluss", sagt Sladek. Je nach gültigem EEG-Regime werde der mögliche Ertrag bei einer solchen Abschaltung anteilig – derzeit zu 90 Prozent – erstattet.

Sinkende Energiepreise kommen beim Verbrauche noch nicht an

Allerdings gilt für EEG-Anlagen auch die Regel, dass es gar keine Vergütung mehr gibt, wenn die Preise über sechs Stunden am Stück oder länger negativ sind. Dass die sinkenden Energiepreise bei den Verbrauchern in puncto Elektrizität anders als etwa beim Benzin erst einmal nicht ankommen, habe unter anderem damit zu tun, dass sich die Beschaffungspreise nur als ein Faktor von vielen auf die Verbraucherpreise niederschlagen, so Sladek. Hinzu kommt, dass die Mehrzahl der Versorger an Strombörsen jeweils über ein oder zwei Jahre im Voraus einkaufen. Denkbar ist es für den Schönauer, dass die Wirtschaft in der Pandemie so schwer geschädigt wird, dass die Strompreise auf längere Sicht niedrig bleiben.

Das sieht man beim Freiburger Öko-Institut anders. Jan Peter Schemmel, der als Sprecher der Geschäftsführung am Standort Berlin arbeitet, rechnet nach dem Lockdown mit steigendem Verbrauch und Preisen. Ein Umdenken erhofft er sich an anderer Stelle: "Wenn man generell den Energiebereich nimmt, kann man aber zum Beispiel im Verkehr hoffen, dass es nicht einen kompletten Rebound geben wird." Immerhin sei es im breiten Bewusstsein angekommen, dass die Pandemie viel mit Reisen und Mobilität zu tun habe. Fürs Klima positiv könnte sich auch der Zwang zu Videokonferenzen auswirken. In vielen Führungsetagen könnte die Erkenntnis bleiben, dass diese eine nicht nur praktikable, sondern auch deutlich billigere Alternative sind.

Öko-Institut gibt alten Kraftwerken keine Chance

Dass aufgrund des wirtschaftlichen Einbruchs und der insgesamt noch unüberschaubaren Kosten der Krise Ziele des Klimaschutzes nach dem momentanen Durchatmen vernachlässigt werden könnten, glaubt Schemmel dagegen nicht. Natürlich seien im Anschluss Konjunkturimpulse nötiger denn je. "Es wird heute schon von entscheidenden Stellen gefordert, dass es ökonomisch und ökologisch nachhaltige Konjunkturimpulse sein müssen." Gerade der Energiesektor habe zum Erreichen der Klimaschutzziele zu wesentlichen Teilen beigetragen. Für den Öko-Instituts-Geschäftsführer ist es deshalb nicht vorstellbar, dass etwa veraltete Kraftwerke im Anschluss aus wirtschaftlichen Erwägungen länger am Netz bleiben.

Gut denkbar wäre stattdessen, dass Corona auch noch einmal ein Wachrütteln verursacht, was die Krisenprävention angeht. "Es ist wohl allen Akteuren mittlerweile klar, dass man das zu geringeren volkswirtschaftlichen Kosten hingekriegt hätte, wenn man früher in der Lage gewesen wäre, zu intervenieren", sagt Schemmel. Beim Klimawandel sei das schließlich nicht anders. "Er schreitet weiter fort und jedes Jahr, das wir länger warten, führt zu höheren Kosten. Das ist den entscheidenden Akteuren klar."