Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung

Talente ausloten und Chancen geben: Diskussion in Waldkirch

Gabriele Zahn

Von Gabriele Zahn

Mo, 02. Dezember 2019 um 16:04 Uhr

Waldkirch

Eine Veranstaltung in Waldkirch beschäftigte sich damit, wie die Inklusion von Menschen mit Behinderung auf den Arbeitsmarkt besser gelingen kann.

WALDKIRCH. Anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderung diskutierten auf Einladung des Behindertenbeauftragten des Landkreises die Inklusionsbeauftragten der Städte Emmendingen und Waldkirch sowie Kooperationspartner bei Arbeitgebern, Betroffene und Vertreter von Beratungseinrichtungen über Chancen, die Menschen mit Behinderung dem ersten Arbeitsmarkt bieten. Voraussetzung ist, dass den Menschen mit Behinderung ein Arbeitsplatz geboten wird, bei dem sie ihre Stärken und Talente einsetzen können.

Jeder zehnte Mensch gilt als schwerbehindert

Der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung wurde von den Vereinten Nationen 1992 ausgerufen und 1993 erstmals am 3. Dezember begangen, sagte Oberbürgermeister-Stellvertreter Klaus Detel. Ziel ist die Probleme dieser Menschen wachzuhalten und die Würde, die Rechte und das Wohlergehen dieser Menschen zu fördern. Etwa jeder zehnte Mensch gelte als schwerbehindert. Nur ein kleiner Teil ist von Geburt an behindert, die meisten ziehen sich die Behinderung im Laufe ihres Lebens zu. Vor diesem Hintergrund sei Detel froh, dass sich Experten zusammengefunden haben und öffentlich diskutieren, wie Menschen mit Behinderung besser in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden können. Arbeit habe in der Gesellschaft einen hohen Stellenwert. Wer vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sei, sei es auch von vielen Bereichen des öffentlichen Lebens. Arbeit schaffe Selbstwertgefühl und wirtschaftliche Unabhängigkeit.

Bewerbungsgespräche helfen, Stärken und Talente zu sehen

Wenn zwei Menschen ins Gespräch kommen, heiße die erste Frage oft "Wie heißt du?" und die zweite "Was arbeitest du?", zitierte die Waldkircher Inklusionsbeauftragte Regina Fuchs den Behindertenbeauftragten des Landkreises, Bruno Stratz. Deshalb habe das Organisationsteam versucht, das Potenzial der Menschen mit Behinderung in den Fokus zu rücken. Bruno Stratz und Esther Weber, Leiterin der Geschäftsstelle des Behindertenbeauftragten, diskutierten mit vier Geschäftsführern und deren behinderten Mitarbeitern über gelingende Integration am Arbeitsplatz.

Als Rudi Mattmüller von Inomed Sandra Wiessner einstellte, ging diese offen mit ihrer körperlichen Behinderung um. Damit diese die Regelschule besuchen konnte, hatten ihre Eltern für sie nie einen Schwerbehindertenausweis beantragt. Ihre Träume habe sie irgendwann mit der Realität in Einklang gebracht. Heute ist sie Softwareentwicklerin mit Leib und Seele. Mattmüller empfiehlt, beim Neubau von Gebäuden Behinderte und Experten mitzunehmen und sich beraten zu lassen.

Schwächen anerkennen, Stärken fördern

Die Wabe gGmbH betreibt einen Möbelladen für gebrauchte Möbel. Die Organisation des Möbelladens obliegt Michael Feuerstein, der seit Geburt körperlich behindert ist. Er hat an der Regelschule den Hauptschulabschluss gemacht und im elterlichen Betrieb die Ausbildung zum Bürokaufmann. Möbel tragen kann er nicht. Dafür hat er Assistenten, die diese Arbeit übernehmen. Aber sonst ist er Herz und Seele des Ladens, der sogar inzwischen sogar seinen Namen trägt: "Feuersteins Möbelladen". Menschen mit Behinderung haben Stärken und Schwächen, sagte Wabe-Geschäftsführer Frank Dehring, man müsse sich überlegen, wie man die Stärken dieser Menschen einsetzen kann. Wichtig sei, für Menschen mit Behinderung mehr Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen. Um Menschen mit Behinderung im Arbeitsmarkt zu halten, brauche es Beratung und von den Arbeitgebern soziale Verantwortung für das Gemeinwesen.

Schüler mit körperlicher Behinderung beißen sich durch, berichtete Petra Lichtenberg, Sonderpädagogin an der Esther-Weber-Schule. Die Schüler lernen den Umgang mit ihrer Behinderung – aber auch, Traum und Realität in Einklang zu bringen. Lichtenberg fordert, Barrierefreiheit weit zu denken, denn es seien viele Kleinigkeiten, die beachtet werden müssen. Sie wünscht, dass sich die Arbeitsplätze mehr an den Menschen orientieren und dass ein zweiter Arbeitsmarkt gestaltet wird. So werde beispielsweise ein Netzwerk von Firmen benötigt, die Menschen mit Behinderung ein Praktikum anbieten, auch wenn daraus kein Arbeitsverhältnis entsteht.

Menschen nicht auf ihre Schwächen reduzieren

Schließlich wurden in einer Podiumsdiskussion noch Möglichkeiten aufgezeigt und praktische Tipps vermittelt, wie Menschen mit Behinderung im ersten Arbeitsmarkt integriert werden können. So forderte Yvonne Fazis vom Integrationsfachdienst, dass Menschen mit Behinderung zu Bewerbungsgesprächen eingeladen werden. Dann müsse geschaut werden, welche Stärken bringt die Person mit und welche Rahmenbedingungen der Betrieb bieten kann. Der Integrationsfachdienst ist hier beratend tätig. Roswitha Schneider von der Reha-Abteilung der Agentur für Arbeit berichtete, dass die Agentur für Arbeit berät und den Erstkontakt zwischen Menschen mit Behinderung und Unternehmen herstellt. Auch finanzielle Unterstützung bei der Arbeitsplatzausstattung sei möglich. Jutta Leonhard von Jobcoach weiß, dass Menschen gern auf ihre Schwächen reduziert werden und fordert, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Die Belegschaft müsse mitziehen, damit beispielsweise ein tauber Mensch auch als Zimmermann arbeiten kann.

Auch der Gang in die Selbstständigkeit ist kein Tabu

Bei Menschen mit Behinderung müsse nicht gefragt werden, was nicht geht, sondern "was hast Du für Talent und was brauchst du, um dieses Talent anbieten zu können", sagte Stephan Wilke von der Quikstep GmbH. Wenn man es schafft, die Tür zum Arbeitsmarkt zu öffnen, damit Menschen mit Behinderung eine Arbeit ausprobieren können, sei viel geschafft. Wilkes Lieblingsgebiet sei, Menschen mit Behinderung in die Selbständigkeit zu bringen.

Es brauche Kreativität, offen zu denken, dann gebe es viele Möglichkeiten, Menschen mit Behinderung im ersten Arbeitsmarkt zu integrieren, fasste Integrationsbeauftragter Johannes Baur die Diskussion zusammen. Wenn eine Lösung gesucht werde, gebe es oft einen Weg. Baur empfahl Arbeitgebern, sich bei den Beratungsstellen über Unterstützung und Begleitung zu informieren.