Afghanistan

Taliban lösen Schutzeinrichtungen für Frauen auf

dpa

Von dpa

Mo, 06. Dezember 2021 um 20:50 Uhr

Ausland

In Afghanistan ist es für weibliche Gewaltopfer seit der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban laut Amnesty International (AI) fast unmöglich geworden, Hilfe zu bekommen.

Unterstützungsnetzwerke für Überlebende von Gewalt in Beziehungen oder Zufluchtsorte wie Frauenhäuser seien so gut wie verschwunden, heißt es in einem von der Menschenrechtsorganisation am Montag veröffentlichten Bericht.

Die Taliban haben Mitte August in Afghanistan militärisch die Macht übernommen. Seither haben die Islamisten Frauenrechte merklich eingeschränkt. Dem AI-Bericht zufolge schlossen sie auch Frauenhäuser und entließen Häftlinge aus den Gefängnissen, von denen viele wegen geschlechtsspezifischer Gewaltdelikte verurteilt waren. Ehemalige Bewohnerinnen von Frauenhäusern sowie Mitarbeiter von Schutzeinrichtungen sowie an den Schutzdiensten beteiligte Anwälte, Richter oder Regierungsbeamte seien nun in Gefahr.

Die Frauenhäuser hätten Frauen und Mädchen zu ihren Familien zurückschicken müssen, andere Opfer seien von ihren Familienmitgliedern gewaltsam weggebracht worden, heißt es in dem Bericht. Wieder andere seien seither auf der Straße gelandet. AI habe zudem glaubwürdige Berichte erhalten, die Taliban hätten Frauen in Gefängnisse gebracht.

AI-Generalsekretärin Agnès Callamard forderte die Taliban auf, die Wiedereröffnung von Notunterkünften zu gestatten und zu unterstützen. Die internationale Gemeinschaft solle solche Schutzdienste zudem sofort und langfristig finanzieren. In Afghanistan erleben laut UN neun von zehn Frauen in ihrem Leben mindestens eine Form von Gewalt in der Partnerschaft. Vor der Machtübernahme der Taliban wandten sich Tausende jedes Jahr an ein Netz von Frauenhäusern und Dienstleistern, die sie mit Rechtsberatung, Anwälten, medizinischen oder psychosozialer Hilfe unterstützten.

Benafscha Efaf von der afghanischen Frauenrechtsorganisation Women for Afghan Women (WAW) sagte, es habe auch jede Menge Gegenwind aus der vorherigen Regierung gegeben. "Aber damals hatten wir immerhin die Unterstützung des Frauenministeriums und vieler Ältester. Das waren Beziehungen, die wir über Jahre aufgebaut hatten." WAW ist eine von sechs Organisationen, die in Afghanistan Frauenhäuser betrieben.

Das Frauenministerium ist mittlerweile von den Taliban aufgelöst, die Frauenhäuser von WAW selbst geschlossen worden. Zuletzt habe man mehr als 300 Frauen und Dutzende Kinder betreut. Alle Sensibilisierungs- und Frauenförderprogramme seien eingestellt worden. Als die Sicherheitslage sich zunehmend verschlechtert habe, habe man begonnen, einen umfangreichen Evakuierungsplan umzusetzen. Frauen seien teils in Schnellverfahren in ihre Familien reintegriert worden, wo das nicht gegangen sei, seien sie von den Provinzen nach Kabul gebracht worden. Efaf sagte, geblieben sei ein Frauenhaus in Kabul mit 15 Frauen und vier Kindern.

Taliban-Sprecher Suhail Schahin sagte, dass es im Islam keinen Platz für Gewalt gegen Mädchen und Frauen gebe. Frauen, die häuslicher Gewalt ausgesetzt seien, könnten sich an die Gerichte wenden.