Tanz auf der Wendeltreppe

Joss Reinicke

Von Joss Reinicke

Mi, 15. Mai 2019

Klassik

Raschèr Saxophone Quartet mit Bachs "Kunst der Fuge".

"Aufbruch – Tradition – Zukunft": Mit dieser Trias ist die Konzertreihe übertitelt, deren Anfang sich jetzt in der St. Blasius-Kirche im Freiburger Stadtteil Zähringen ereignete. Anlässlich des 50-jährigen Bestehens beim Raschèr Saxophone Quartet soll zwischen Mai und November ein "Spiegel der letzten 50 Jahre" erklingen. In der Geschichte sind knapp 300 Neukompositionen für das Quartett entstanden, doch die stilistische Beweglichkeit reicht weit über das Terrain zeitgenössischer Musik hinaus – was nun bewiesen wurde. Aus der bald 300 Jahre alten "Kunst der Fuge" Johann Sebastian Bachs führten die vier Musiker ihre eigene Auswahl aus den "Contrapunctus" genannten Fugen und Kanons auf.

Elliot Rilley trägt das erste Thema mit seinem Altsaxophon in ruhigen Halben vor, den d-Moll-Raum umspielend, mit einem Hauch von Vibrato. Dem erwidert Christine Rall (Sopransaxophon) mit dem nächsten Themeneinsatz, und so treten auch Andreas van Zoelen (Tenorsaxophon) und Noah Bedrin (Baritonsaxophon) in die Loge Bach’scher Kontrapunktik ein. Ihre artikulatorischen Kontraste gestalten stimmige Nuancen, mit dem leichten Schwellen der langen Noten zu Beginn gegenüber dem kurzem Staccato der Achtel am Ende des Themenkopfes.

Ein Hauch von Jazz

Inmitten des Kirchenhalls sucht die Tongebung auch gedeckte Schattierungen auf. So in Contrapunctus 4, in dem das Zusammenspiel von Dynamik und Klangfarbe zur eigenen Kategorie wird: Aus den leisen, weichen Momenten wachsen die Töne in ihrer Lautstärke und gewinnen gleichzeitig an Schärfe und Kontur – ein assoziativer Hauch an Jazz-Idiomatik weht dabei herein. Contrapunctus 9 setzt dem gravitätischen Duktus Beweglichkeit entgegen, als bildeten die vielen kurzen Sechzehntelnoten eine klangliche Wendeltreppe, auf deren Stufen die Spieler sich nun fast tänzerischen herabbewegten.

So sitzen sie einander zugewandt, bewegen ihre verschieden silbern und golden getönten Instrumente im Einklang der Phrasierungsbögen und bringen überzeugend zur Geltung, welche musikalische Vielfalt Bachs architektonischer Kosmos des Kontrapunkts beherbergt. Auf das nächste Jubiläumskonzert darf man gespannt sein.

Raschèr Saxophone Quartet: nächstes Jubiläumskonzert am 22. September im Konzerthaus Freiburg.