Metal-Sängerin im Interview

Tarja Turunen: "Die Musik soll Seele haben"

Karl Heidegger

Von Karl Heidegger

Fr, 23. August 2019 um 19:00 Uhr

Rock & Pop

Operngesang trifft auf Gitarrenriffs, Melodie auf Energie, Sinnlichkeit auf Wucht: Tarja Turunen spricht über ihr neues Album "In the Raw".

Die finnische Sängerin Tarja Turunen hat das Genre des symphonischen, orchestralen Heavy Metal geprägt, seitdem sie mit der Gruppe Nightwish Anfang der 2000er-Jahre den Durchbruch schaffte. Längst wandelt sie erfolgreich auf Solopfaden. Über ihre Nähe zur Klassik, das neue Album und traditionelle Formate sprach Karl Heidegger mit der 42-Jährigen.


BZ: Sie wandeln auf dem Grat zwischen Klassik und Heavy Metal – einem Grat, der gar nicht so schmal ist. Trotzdem gibt es Berührungsängste. Was also könnten Metalfans von der Klassik lernen?
Turunen: Oh, es gibt wunderschöne klassische Musik, und viele Metalfans wissen das. Ich gebe ja auch Klassik-Konzerte, manchmal mit einem Orchester und manchmal ganz reduziert in einer Kirche. Auch dort tauchen oft Menschen auf, die mich aus dem Metal-Bereich kennen – und sie kommen gerne. Und übrigens kann Klassik durchaus heavy sein: Eine Wagner-Oper oder Werke von Mussorgsky können dich umhauen! Und ein Symphonieorchester ist manchmal lauter als eine Heavy-Metal-Band.

BZ: Sollten Metalfans also mal Wagner hören statt Slayer, zur Abwechslung?
Turunen: Für Anfänger wäre eine Wagner-Oper ein bisschen viel verlangt. Aber wie wäre es mit Mozarts "Zauberflöte" als Einstieg?

"Meine Wurzeln liegen in der Klassik, ganz und gar." Tarja Turunen
BZ: Und andersrum? Viele Leserinnen und Leser der Badischen Zeitung fühlen sich wohl eher der Klassik zugewandt als dem Heavy Metal. Warum sollten sie dem Metal ein Ohr schenken?
Turunen: Das weiß ich aus eigener Erfahrung (lacht). Meine Wurzeln liegen in der Klassik, ganz und gar. Als ich jung war, habe ich mich acht, neun Stunden am Tag in mein Zimmer eingeschlossen, um Klavier zu spielen und Gesangsübungen zu machen. Ich wusste kaum etwas über die Welt da draußen. Aber ich habe mich immer für unterschiedliche Arten von Musik interessiert – und der Zufall wollte es, dass ich mit Nightwish ein Demo aufnahm und kurz darauf die Metal-Welt kennen lernte. Das hat mein Leben verändert. Es gibt unendlich viel wunderbare Musik. Wir sollten offen sein und schauen, ob die Kirschen auf dem Baum nebenan nicht auch süß sind? Es geht doch immer nur um die Schönheit und die Seele der Musik!

BZ: Wie groß ist der Klassik-Einfluss auf Ihrem neuen Album "In The Raw"?
Turunen: Wie gesagt, das sind meine Wurzeln. Dies führt manchmal zu einer gewissen Nähe zum Genre der Filmmusik: "Golden Chamber" zum Beispiel ist ein Song, der nur aus Orchester und meinem Gesang besteht. Hier würde niemand auf den Gedanken kommen, dass er von einer Metal-Künstlerin stammt. Und so gleicht das Album einer Reise – es beginnt hart und heavy, aber es hat auch ganz andere Facetten, mit Orchester und Chören zum Beispiel. All das entsteht ganz spielerisch: Ich schreibe meine Songs am Klavier, aber die symphonischen Parts habe ich da schon im Kopf.

BZ: Am Klavier?
Turunen: Ja, nur ich und mein Klavier. Ein Flügel, um genau zu sein, ein wunderbarer Bechstein. Da entstehen fast alle meiner Songs. Die Texte kommen erst viel später.

"Alben bedeuten für mich alles, auch als Konsumentin. Ich möchte etwas in den Händen halten können." Tarja Turunen
BZ: Noch eine Parallel zwischen Klassik- und Metal-Liebhabern: Beide Gruppen stecken viel Geld und Aufwand in ihr Hobby, besuchen Konzerte, kaufen CDs.
Turunen: Nicht nur Geld, sondern Leidenschaft und Loyalität! Rock- und Metal-Künstler können sich auf ihr Publikum wirklich verlassen, die Menschen wachsen mit ihren Lieblingskünstlern auf und verfolgen ihre Karrieren oft das ganze Leben lang, über Jahrzehnte hinweg. Das ist bei Klassik-Liebhabern genauso, die immer wieder nach schönen Konzerten und Locations Ausschau halten. Und die Grenzen verschwimmen: Ich habe Fans aus beiden Bereichen, die immer wieder zu meinen Auftritten kommen.

BZ: Die Loyalität zeigt sich auch schon an der ungebrochenen Attraktivität des "Produkts" Album. Metal und Klassik haben eine vergleichsweise geringe Download- und Streaming-Kultur.
Turunen: Der allgemeine Trend geht mehr und mehr dahin, dass Künstler einzelne Songs publizieren. Dagegen ist der Grundgedanke eines Albums "mehr" als das. Ich bin da altmodisch. Alben bedeuten für mich alles, auch als Konsumentin. Ich möchte etwas in den Händen halten können. Es geht es ja auch um das Cover, um die Gestaltung des Booklets, um das Gesamtprodukt bis hin zu den Informationen, wer ein Album produziert hat und wo es aufgenommen wurde. Das ist etwas anderes, als einfach einen Song herunterzuladen. Alben verkörpern eine höhere Wertigkeit, und daran werde ich auch in unserem digitalen Zeitalter immer festhalten. Die Musik soll Seele haben. Seele und Blut, Tränen, Schmerz und Liebe. Das transportieren Alben besser als Downloads und Streamings.
Tarja: In The Raw (Earmusic/Edel).
Tarja Turunen (Jg 1977) ist eine finnische Sopranistin und Songwriterin. 1996 gründete sie Nightwish, trennt sich 2005 und begann eine Solokarriere.