Tausende Kinder starben in irischen Heimen

Peter Nonnenmacher

Von Peter Nonnenmacher

Do, 14. Januar 2021

Ausland

Ein schockierender Untersuchungsbericht gibt Aufschluss über das Schicksal unverheirateter Frauen und das Schicksal ihrer Babys.

Erneut sieht sich die irische Bevölkerung mit einem der dunkelsten Kapitel in der jüngeren Geschichte ihres Landes konfrontiert – der unmenschlichen Behandlung unverheirateter Mütter, die zur Geburt ihrer "illegitimen" Kinder in staatliche und kirchliche Heime abgeschoben wurden, wo Tausende der Kleinen ein grausames Ende fanden und man viele der Baby- und Kinderleichen heimlich vergrub.

Nach der Veröffentlichung eines schockierenden neuen Berichts zu Irlands "Mutter-und-Baby-Heimen" gab am Mittwoch der irische Regierungschef Micheal Martin vorm Parlament in Dublin im Namen des Staates eine formelle Entschuldigung zu dem Unrecht ab, das so vielen Mädchen, Frauen und Kindern zugefügt worden war in der Zeit zwischen der Staatsgründung 1922 bis zum Jahr 1998, als das letzte dieser schrecklichen Heime seine Tore schloss.

Der Bericht über die "dunkle, schwer erträgliche und schändliche" Geschichte habe "eine Kultur außerordentlicher Unterdrückung" zu Tage gefördert, erklärte Martin, an der "unsere ganze Gesellschaft beteiligt war". Keine auswärtige Macht habe Irland zu diesen Handlungen gezwungen: "Das haben wir uns selbst zugefügt", sagte er.

Der nun veröffentlichte fast 3000-seitige Untersuchungsbericht wirft ein helles Licht auf die Kultur massenhafter Abschiebung unverheirateter Schwangerer in spezielle Heime. Ihre Familien wollten mit der "Schande" unehelicher Kindern nichts zu tun haben. Diese Heime wurden, mit Unterstützung des Staates und der römisch-katholischen Kirche in Irland, zum Großteil von kirchlichen Orden geführt.

Mindestens 56 000, möglicherweise sogar an die 80 000 Frauen sollen in diesen Heimen ihre Kinder zur Welt gebracht haben. Von den Kindern, die in den Heimen verblieben, starben während der ersten Lebensjahre Tausende, oft darbend, krank, verwahrlost und ohne jede Zuwendung.

In einem der größten dieser Heime, in Bessborough in der Grafschaft Cork, starben Mitte der 1940er-Jahre 75 Prozent aller dort geborenen Säuglinge und Kinder. Aus einem anderen Heim, Pelletstown in Dublin, wurde bekannt, dass dort sechs von zehn Kindern allein waren, als sie starben. Pelletstown wurde vom Orden der "Daughters of Charity", der "barmherzigen Töchter", geführt.

So recht bekannt wurde das Ausmaß dieses Skandals erst im Jahr 2014. Die Historikerin Catherine Corless fand damals heraus, dass die Geburts- und Todesregister der Stadt Galway als Sterbeort von fast 800 Kindern ein Kinderheim der Bon-Secours-Sisters in der nahen Ortschaft Tuam angaben. Gräber dieser Kinder waren jedoch nirgendwo aufzufinden.

Drei Jahre später entdeckte man auf dem Gelände des Kinderheims, in einem ausgedienten unterirdischen Wassertank, die Überreste ebenso vieler Kinder. Wie sich herausstellte, hatten die Ordensschwestern die Leichen dort heimlich verschwinden lassen, anstatt sie ordentlich auf einem Friedhof zu begraben.

Viele Anwohner kannten

wohl die Wahrheit

Weitere Nachforschungen ergaben, dass bereits in den 70er Jahren ortsansässige Kinder beim Spielen auf die menschlichen Überreste gestoßen waren, dass aber ein Priester den Tank danach feierlich versiegelt hatte – mit der Erklärung, es handle sich um ein Massengrab aus der Zeit der großen Hungersnot des Jahrhunderts davor.

In Wirklichkeit scheinen viele der Anwohner der Gegend die Wahrheit über die dort verborgenen "Kinder der Sünde" gekannt zu haben. Tatsächlich sei sein Land allzu lang von einer total gestörten Haltung zu Sexualität und Intimität geprägt gewesen, erklärte dazu am Mittwoch Regierungschef Martin: "Junge Mütter und ihre Söhne und Töchter haben einen schrecklichen Preis dafür bezahlen müssen."

"Eine perverse religiöse Moralität und Kontrollsucht" habe die irische Gesellschaft im Griff gehalten und unendlichen Schaden angerichtet, sagte Micheal Martin in bemerkenswerter Klarheit. Viele Kinder waren auch, ohne dass die Mütter sich wehren konnten, an Adoptiveltern, oft in den Vereinigten Staaten, "weggegeben" worden. Von den Adoptiveltern erbaten sich die Ordensschwestern im Gegenzug großzügige Spenden für den Kirchenfonds.

Jüngeren Iren mutet ausgesprochen fremd an, was noch vor wenigen Jahren in ihrem Land gang und gäbe war. In äußerst kurzer Zeit hat sich die Grüne Insel zu einer relativ säkularen Gesellschaft gewandelt, in der Abtreibung und gleichgeschlechtliche Ehe zu elementaren Rechten geworden sind. Vor allem hat die ehedem alles dominierende katholische Kirche an Einfluss verloren, seit der weitläufige Kindesmissbrauch durch Priester in Irland aufgedeckt worden ist.