Unterstützung

Telefon- und Chatberatung sind in der Pandemie gefragt

Sonja Zellmann

Von Sonja Zellmann

Do, 04. Juni 2020 um 09:39 Uhr

Liebe & Familie

Einsamkeit, Ängste, Überforderung – in der Corona-Krise wenden Menschen sich an anonyme Telefon- und Chatberatungen. Bundesweite aber auch regionale Angebote werden deutlich öfter angerufen.

Das Coronavirus greift den Körper an, doch die Maßnahmen dagegen und deren Auswirkungen können ganz schön an der Seele kratzen. Die Krise macht einsam, sie sorgt für Zukunfts- und Existenzängste. Wer niemanden hat, an den sie oder er sich wenden kann oder möchte, oder wen die Gespräche mit Freunden oder Partner nicht weiterbringen, kann anonyme Hilfe suchen.

Viele Angebote für unterschiedliche Zielgruppen

Viele Menschen haben dafür in den vergangenen Wochen Sorgenhotlines genutzt. Denn sie bieten eine niedrigschwellige erste Anlaufstelle.

Statistische Auswertungen der Beratungsangebote über die Coronazeit gibt es bislang nur im Ansatz. Doch Vertreter aller bereits vor Corona etablierten Hotlines, die für diesen Artikel kontaktiert wurden, haben ein deutliches Plus an Anrufern verzeichnet.

"Durch die Krise haben sich Ängste, Einsamkeit oder depressive Verstimmungen, die vorher schon da waren, noch einmal verstärkt." Petra Schimmel, Vorstand der Telefonseelsorge Deutschland
Petra Schimmel ist im Vorstand der Telefonseelsorge Deutschland. "Wir hatten besonders viele Anrufer von Mitte März bis Ostern", sagt sie. Über die Osterfeiertage nahm die Telefonseelsorge täglich rund 3300 Anrufe entgegen, im Jahr davor 2600. Bei 25 Prozent der Anrufer war Corona eins der angesprochenen Problemfelder. "Durch die Krise haben sich Ängste, Einsamkeit oder depressive Verstimmungen, die vorher schon da waren, noch einmal verstärkt", sagt Schimmel. Da sei beispielsweise die einsame 81-Jährige, die verzweifelt alleine zuhause sitzt, weil sie ihren Mann im Seniorenheim nicht besuchen kann. Oder die Studentin, die sich um die Finanzen sorgt, weil der Nebenverdienst wegfällt, weswegen sie sich wiederum womöglich ihre WG nicht mehr leisten kann und zurück zu den Eltern ziehen muss, mit denen sie sich nicht versteht. Oder der Krankenpfleger, der in Scheidung lebt und Angst hat, dass die Ex-Frau ihn die Kinder wegen Corona nicht mehr sehen lässt.

"Vor allem einsame Menschen haben ein unglaubliches Redebedürfnis. Viele Anrufer wissen oft selbst nicht genau, wo der Schuh drückt, wenn sie sich bei uns melden, sondern nur, dass es ihnen schlecht geht", sagt Petra Schimmel. Im Gespräch könne man das Problem gemeinsam herausfiltern. "Die Leute wollen Verständnis, jemanden, der zuhört."

Genau das bieten die Hotlines – ohne therapeutischen Ansatz, wie alle Ansprechpartner immer wieder betonen. Merken die Ehrenamtlichen am Telefon aber, dass jemand weiterführende Beratung oder professionelle Hilfe benötigt, vermitteln sie an Angebote vor Ort.
Telefonische Hilfe

Silbernetz: richtet sich vor allem an Senioren, täglich von 8 bis 22 Uhr erreichbar unter 0800/4 70 80 90

Telefonseelsorge Deutschland: zu erreichen unter Tel. 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222, Chat- und E-Mail-Beratung: telefonseelsorge.de

Hotline des Sozialministeriums für Menschen mit psychischen Belastungen: täglich von 8 bis 20 Uhr unter 0800/377 377 6 erreichbar

Nummer gegen Kummer: Elterntelefon: Mo -Fr, 9-17 Uhr, Di + Do, 17-19 Uhr, unter 0800/111 0 550; Kinder- und Jugendtelefon: Mo -Sa, 14-20 Uhr, und Mo, Mi, Do, 10-12 Uhr, unter 116 111; Onlineberatung für Kinder und Jugendliche unter nummergegenkummer.de

Corona-Zuhörtelefon Freiburg:
täglich 10-12 sowie 16-18 Uhr unter: 0761/88 79 60 20

Nightline des Studentenwerks Freiburg: im Semester täglich von 20 bis 0 Uhr unter 0761/203 93 75
Alle Angebote sind anonym.

Nina Pirk ist ehrenamtliche Beraterin der "Nummer gegen Kummer" sowie Mitarbeiterin in deren Geschäftsstelle in Wuppertal: "Auch bei uns gingen besonders im März und April die Beratungszahlen hoch." Bei der Chat-Beratung für Kinder und Jugendliche stiegen die Anfragen im März im Vergleich zum Vormonat um 26 Prozent auf rund 400 pro Woche, beim Elterntelefon um 22 Prozent auf rund 800 pro Woche. Die Beratungszeiten wurden daraufhin verlängert. "Das ist aber nicht nur Corona geschuldet, insgesamt steigen die Anfragen bei uns stetig", betont Pirk.

Das "Silbernetz" hat sechs Mal so viele Anrufer wie zuvor

Was die Jugendlichen beschäftigt, seien Zukunftsängste – auch die der Eltern – sowie Sorgen, das Lernen alleine nicht hinzubekommen. Sie vermissten Freunde, Großeltern, hätten Langeweile. "Oder sie fragen sich, wie sie einen Streit mit dem Kumpel klären sollen, wenn sie ihn nicht treffen können", sagt Pirk. "Eltern klagen über Überforderung durch Homeoffice und Homeschooling, und Jung wie Alt leiden unter Konflikten in der Familie, die durch das Aufeinanderhocken verschärft werden. Das zehrt an der Substanz." Gemeinsames Brainstorming am Telefon helfe da, Ideen zu entwickeln, zum Beispiel dafür, wie man sich mehr Freiräume schaffen könnte.

Auch Elke Schilling berichtet: "Wir haben sechs Mal so viele Anrufer wie vor Corona." Schilling ist die Initiatorin von Silbernetz, einem Telefonangebot für einsame Senioren aus Berlin, das seit dem 13. März als Reaktion auf die Pandemie mit einer 0800-Nummer bundesweit kostenlos erreichbar ist. "Zu den vielen Anrufern, die sich schon vor Corona regelmäßig gemeldet haben, kommen nun Senioren, die normalerweise viel unterwegs sind, viele Kontakte haben, und für die das Alleinsein neu ist." Sie sehnten sich nach ihren Enkeln und Bekannten, hätten aber natürlich auch Angst vor dem Virus, litten unter den Beschränkungen und der Tatsache, dass die Dauer der Krise unabsehbar ist: "Was ist, wenn der Pflegedienst ausfällt, ich mein Rezept nicht kriege?", seien häufige Sorgen. Manche seien traurig darüber, die digitalen Kontaktmöglichkeiten nicht zu beherrschen. "Und ein Anrufer beklagte zum Beispiel, es sei ein seltsames Gefühl, wenn Einkaufen die einzige Möglichkeit sei, Leute zu sehen, man dabei aber schräg angeschaut werde, nach dem Motto: Du gehörst doch zur Risikogruppe, bleib daheim", erzählt Schilling.

Eigens wegen Corona hat das baden-württembergische Sozialministerium am 22. April eine "Hotline für Menschen mit psychischen Belastungen" eingerichtet. Betrieben wird der Dienst vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. "Mehr als 2500 Gespräche sind in den ersten vier Wochen geführt worden", sagt Ruben Vonderlin, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts. Auch wenn die Bezeichnung der Hotline anderes suggerieren mag, richtet sie sich an alle Menschen, die Sorgen haben. Die Ehrenamtlichen, die die Anrufe beantworten, sind vor allem Psychologen und Psychotherapeuten. "Die Anliegen der Leute sind Isolation, Angst vor dem Virus, Angst um Angehörige und vor Jobverlust sowie Panikattacken, Antriebslosigkeit und weitere depressive Symptome", sagt Vonderlin. Er rechnet damit, dass die Anruferzahlen nicht so schnell zurückgehen, sich aber der Themenschwerpunkt weg von der Einsamkeit hin zur Existenzangst verschieben wird.

Neben den bundesweiten Angeboten gibt es auch viele kleine Initiativen wie das Corona-Zuhörertelefon, das die Freiburger Nachbarschaftsinitiative Corona-Solidarität eingerichtet hat. Vier Stunden täglich ist es besetzt. Lisa Ulrich aus dem Beratungsteam sagt, die Hotline werde wertschätzend angenommen. Ob es um Einsamkeit, Stress oder Finanzprobleme gehe: "Einfach mal reden tut vielen gut."