BZ-Porträt

Ein Statement – Itay Tiran aus Israel spielt in Stuttgart den Othello

Christian Gampert

Von Christian Gampert

Mi, 01. Mai 2019 um 20:00 Uhr

Theater

Der Schauspieler Itay Tiran ist in Israel ein Star. Nun spielt Itay Tiran in am Stuttgarter Staatstheater den Othello – ein Statement, weil im Subtext sehr vieles mitschwingt. Ein Porträt.

Othello, der "Mohr von Venedig", wahlweise auch der "Maure", ist in Stuttgart kein Schwarzer, er ist weiß. Sein angeblicher Makel ist ein anderer: Er ist ein Fremder, ein Ausländer. Diese Konzeption des Regisseurs Burkhard Kosminski hat sehr viel mit seinem Hauptdarsteller zu tun: Der israelische Schauspieler Itay Tiran spielt den Othello in der feinen, federnden Übersetzung von Frank Günther, obwohl er eigentlich gar kein Deutsch kann. Er ist dabei, es zu lernen. Er spielt die Rolle mit erkennbar hebräischem Akzent – und das reicht völlig aus, um ihn zum Außenseiter zu machen, trotz aller Shakespearescher Sprachfinessen, die Tiran sich mit unglaublicher Akkuratesse nun auf Deutsch angeeignet hat.

Aber es ist das Fremd-Sein, die innere Distanz, die diesen Othello, der am Wochenende Premiere hatte, verdächtig macht. Gleich am Anfang, nachdem Othello sich mit Desdemona in einem intimen Moment vermählt hat, schreit der eigentlich noble Senator Brabantio seinen tiefempfundenen Hass auf alles Abweichende heraus – der sehr alte Elmar Roloff spielt die Rolle des bösen Brautvaters. Als Feldherr war Othello gut zu gebrauchen, als Liebhaber ist er nicht erwünscht.

Ein israelischer Schauspieler gibt an einem deutschen Stadttheater den Othello: Allein dies ist schon ein Statement, weil hier im Subtext sehr vieles mitschwingt. Und zwar eben nicht die Parole "Lass dich nicht mit Schwarzen und Arabern ein", sondern das deutsch-israelische Verhältnis, auch die deutsche Vergangenheit: Ein Jude spielt den Ausgegrenzten. Und Itay Tiran ist in Israel nicht irgendwer: Er ist der bekannteste, der filigranste Theaterschauspieler des Landes, ein Kaliber wie in Deutschland Martin Wuttke, Ulrich Mathes oder Edgar Selge. Sein fürchterlich wütender Hamlet, den er ab 2005 gleich nach der Schauspielschule gab, stand in Tel Aviv über tausendmal auf dem Spielplan. Es war eine Aufführung, wie man sie in dieser Intensität selten sieht. Unter der Regie des berühmten Omri Nitzan spielte man in einem Kellerraum mitten im Publikum, das auf Drehsesseln saß und sich ständig hin- und herwenden musste. Der Hamlet rannte gegen die Mauern eines korrupten Establishments an, das – nach dem Mord an Hamlet Vater – schulterzuckend zum Tagesgeschäft übergeht.

Itay Tiran wollte zunächst Pianist werden und studierte an der Musikhochschule, bevor er sich fürs Schauspiel entschied. Mit 25 war er Hamlet; schon vorher hatte er sich in Joshua Sobols "iWittness" hervorgetan, einem Stück, das – über den Umweg einer Kriegsdienstverweigerung im "Dritten Reich" – auch die Rolle der israelischen Soldaten in den besetzten Gebieten in Frage stellte. Tiran ist ein Linker – und in Israel ein Star. Er hat in Sobols "Ghetto" den SS-Offizier Kittel gespielt, er war Woyzeck und der böse, hässliche "Richard III."; er hat Opern inszeniert und viele Filme gedreht, unter anderem die Tel-Aviv-Krimis der ARD.

Jetzt ist er 39 und gibt in Stuttgart den Othello – als traumatisierte Figur. Der scheinbar selbstbewusste General, der die Insel Zypern von den Türken zurückerobern soll, wirkt zunächst wie ein Technokrat des Krieges; virtuos geht er mit Satelliten, Zielkameras, Drohnen und Nachtsichtgeräten um. Sein erfolgreicher Feldzug wird filmisch instrumentiert wie der lange, mörderische Hubschrauber-Angriff in Francis Ford Coppolas Filmepos "Apocalypse Now" – nur dass der Regisseur Burkhard Kosminski nicht den Walküren-Ritt als Musik einspielt, sondern den "Fliegenden Holländer". Itay Tiran dirigiert nun Wagner vor der Videowand, er dirigiert den Angriff wie eine Symphonie – als wenn der Krieg eine intellektuelle, dabei auch rauschhafte Kunst sei und Othello ein überlegenes Wesen, das sich die Welt untertan macht.

Das ist natürlich eine Täuschung; durch Jagos Intrige ist er sehr leicht aus dem inneren Gleichgewicht zu bringen. Der Herr über eine hochgerüstete Armee lässt sich von einem simplen weißen Tuch in den Irrsinn treiben, das angeblich die Untreue der Gattin beweist. Und das hängt in Stuttgart nicht nur mit dem angestachelten Misstrauen zusammen, sondern mit Othellos Kriegserlebnissen. Kosminski führt das parallel: je stärker der Verdacht in Othello wuchert, desto stärker wird er von peinigenden Kriegserinnerungen bedrängt. Diese in Wüsten und Steinbrüchen spielenden Szenen haben, schon rein landschaftlich, sehr viel mit dem Nahen Osten zu tun. Als es ans Sterben geht, schmiert dieser Othello sich das Gesicht erdfarben an – das ist kein Blackfacing, sondern Tarnfarbe: Er ist im Krieg, mit sich selbst, mit seiner Frau, seinem Gewissen, seiner Eifersucht. Er ist schwach, weil er in den Kampfgebieten war. Die Mordszene ist in all ihrer Ambivalenz auch eine Liebesszene, eine Szene der Bedürftigkeit: Othello küsst die verschleierte Desdemona zu Tode.

Das ist wahrscheinlich eine der besten Inszenierungen, die Burkhard Kosminski je gemacht hat. Dass er Itay Tiran in sein Ensemble geholt hat, dass er ihn schützt und fördert und ihm Zeit gibt, ist für das deutsche Theater eine noch gar nicht abschätzbare Entwicklung. Tiran wird in Israel schmerzlich vermisst, und auch dort, am Cameri-Theater, bei dem Regisseur Omri Nitzan, würde er dringend gebraucht – gerade wegen des politischen Stillstands. Aber er wird auch in Deutschland seinen Weg machen, ein Fremder, der zum Freund werden kann.

Staatstheater Stuttgart, "Othello", bis 20. Juli. Infos: http://mehr.bz/othello