Eine Geschichte, die niemals verklingt

Annette Mahro

Von Annette Mahro

Di, 22. Oktober 2019

Theater

Ondrej Adámeks eindringliche Komposition eines Nachgeborenen eröffnet Saison und Schwerpunkt im Basler Gare du Nord.

Der Mann, der eingangs mit einem Geigerzähler durch den Raum läuft, ist der Komponist selbst. Was er sucht, ist die Geschichte seiner jüdischen Familie und er wird fündig, stößt auf Töne. Zwei Großeltern Ondrej Adámeks haben den Holocaust überlebt, der Rest der Familie des 1979 geborenen Tschechen wurde ermordet. Erhalten haben sich im familiären Archiv wenige Briefe und Postkarten der Verschleppten. Adámeks Musiktheater "Alles klappt", das die Saison des Basler Gare du Nord eröffnet hat, beruht darauf, aber auch auf einem von seinem Großvater grafisch mitgestalteten Treuhandkatalog der Enteignung, den heute das Prager Jüdische Museum bewahrt.

Zusammen mit dem Komponisten hat Regisseurin und Librettistin Katharina Schmitt das Archivmaterial zu eindringlichen 75 Minuten verdichtet. Sechs Sopran-, Tenor- und Bariton-Stimmen sowie zwei Perkussionisten sorgen für den musikalischen Nachhall einer niemals verklingenden Geschichte. In Overalls und Warnwesten verpackt, nehmen Sänger und Instrumentalisten in einem gespenstischen Spiel die Rolle von Archivaren einer vergangen geglaubten Zeit ein. Die Gegenstände, die sie bewahren, sortieren und mit Nummern bekleben, ergreifen nach und nach Besitz von ihren Verwaltern. Während sie Porzellanfiguren oder auch einmal eine Brille aus bühnenbeherrschenden großen Holzkisten ziehen, werden plötzlich die Stimmen der einstigen Besitzer hörbar.

Die Sprache erklingt indes nicht als Ganzes, sondern bis fast zur Unkenntlichkeit fragmentiert. In Satzteile, Worte, Silben und schließlich nur noch Phoneme als kleinste sprachliche Einheit zerhackt, nimmt das Erinnerungsarchiv einen auf- und abschwellenden, mal gedehnten, mal gestauchten Gesamtklang an. Basierend auf dieser extremen Reduktion gelingt es Adámek indes meisterlich, umso einen intensiveren Klangteppich zu weben. Für den Komponisten, dem erst als 15-Jährigem von der eigenen Verwurzelung in der Geschichte der Shoa erzählt wurde, ist dieser Klang auch ein Verarbeiten seiner familiären Vergangenheit. Uraufgeführt wurde das Stück bei der Münchner Biennale für neues Musiktheater 2018.

In Basel fügt es sich in den Schwerpunkt "Later Born", dem es um Reflexionen der nachkommenden Generationen geht. Auch Adámeks Großvater wurde, nachdem er gezwungenermaßen für die, den Exodus verwaltende Treuhandstelle in Prag gearbeitet hatte, nach Theresienstadt deportiert. War er es bisher gewesen, der Verwandten und Freunden noch Pakete in die Lager geschickt und Karten und Briefe zurückbekommen hatte, so schrieb er nun selbst.

Fast als handele es sich um Urlaubsgrüße, durchzieht die Post der Deportierten ein positiver Grundton: "Sind gut angekommen. Schlafen gut. Warm." Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Aller Wahrscheinlichkeit nach wäre aber wohl jede Klage der Zensur zum Opfer gefallen. So blieben zumindest Lebenszeichen.

Auf der anderen Seite steht die deutsche Mord- und Verwaltungsmaschinerie und deren teils nüchterne, teils die eigenen "Erfolge" feiernde Sprache. So ist auch der Titel des Stücks "Alles klappt" einer Seite des Treuhandkatalogs entnommen, die die absolut zuverlässige Arbeit der eigenen Institution verspricht und bildhaft mit ineinandergreifenden Zahnrädern arbeitet. "Durch die Abwanderung der Juden wurden 9288 Wohnungen frei", heißt es etwa in der Broschüre, die im selben Zug 600 voll eingerichtete Wohnungen bewirbt, die jetzt ebenso vielen Familien ein neues Heim geben könnten. Nun gelte es Werte zu erfassen, zu erhalten und zu steigern.

Auf der Bühne wird die Situation gleichzeitig immer bedrohlicher. Die Percussions geraten außer Rand und Band, die Sänger, die eingangs noch mit erregten Flüster- und Zischlauten vernehmbar waren, werden immer lauter und zerlegen die Worte zum Teil auch sinngemäß. Aus der flehenden Bitte: "Schreibt oft!" löst sich etwa die erste Silbe als jetzt wirklicher, markdurchdringender Schrei. Aus nebelhaften Erinnerungen der anderen und wenigen Ton gewordenen Textfragmenten entsteht eine eindringlich nachhallende Komposition.