Ungleiche Aussenseiter

„Rico, Oskar und die Tieferschatten“ in Freiburg

Marion Klötzer

Von Marion Klötzer

Mi, 04. Februar 2015

Theater

Inda Buschmann inszeniert in Freiburg das Familienstück "Rico, Oskar und die Tieferschatten".

Jungdetektive in Kinderromanen sind meistens blitzgescheit, selbstbewusst und stammen aus der Mittelschicht. Nur im Kontrast zu ihrem scheinbar heilen Umfeld scheinen Bosheit und Gefahr erträglich. Kinder aus eher bildungsfernen Verhältnissen sind da weder als Helden noch als Leser vorgesehen. Hier setzte der Bestsellerautor Andreas Steinhöfel einen Kontrapunkt: In seinem 2009 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichneten Krimi "Rico, Oskar und die Tieferschatten" ermittelt statt einer neunmalschlauen Schnüffelnase ein tiefbegabter Sonderschüler – und damit eine ungewöhnliche Identifikationsfigur in Sachen Toleranz. 2014 kam die Verfilmung in die Kinos, jetzt ist Felicitas Loewes Bühnenfassung als Familienstück im Freiburger Kleinen Haus zu sehen (Regie: Inda Buschmann).

Dass Frederico Dorettis Gedanken meistens durcheinanderrappeln wie Kugeln in einer Bingotrommel – dieses Romanmotiv setzt der Prolog pfiffig, wenn auch etwas lang in Szene: Eine Stimme aus dem Off gibt Lotteriezahlen durch, die kauzigen Hauptpersonen der Geschichte sind auf ihren Stühlen konzentriert bei der Sache, Mathias Lodd führt als sonorer Fernsehsprecher durch die Vorstellungsrunde.

Grandios verspielte

Regieeinfälle

Schlichtweg genial ist das Bühnenbild von Thomas Rump: Weil Frederico, genannt Rico, null Orientierungssinn hat, reduziert sich seine Welt auf das Mietshaus in der Berliner Dieffenbachstraße. Und so braucht’s auch nicht mehr als eine zweistöckige, per Stahltreppe begehbare Fassade aus alten Holztüren. Links dahinter die verkohlten Reste des gruseligen Hinterhauses, in dem der Kinderentführer Mister 2000 seine Opfer versteckt. Aber der Reihe nach...

Wobei: Mit der Chronologie ist das so eine Sache bei dieser 75-minütigen Inszenierung: Krimiplot, Freundschaftsgeschichte, Figurenführung – das sprengt in seiner Komplexität fast den Rahmen, und so droht der rote Faden vor allem gegen Ende bei gewagten Erzählsprüngen zu reißen. Dafür gibt es grandios verspielte Regieeinfälle und skurril überzeichnete Originale wie den versoffenen Fitzke oder den Hausmeister Marrak, beide von André Benndorff zum Niederknien komisch gespielt. Und auch Marie Jordan überzeugt mit sonniger Naivität und kesser Jungsklappe als Rico, der sich beherzt durch seinen gehandikapten Alltag schlägt. Was ihn trotz aller Fehlschläge und Anfeindungen wie eine Glückshaut umgibt, ist die bedingungslose Liebe seiner Mutter – auch wenn die im Nachtclub arbeitet und statt Biokost nur Fischstäbchen mit "Blutmatsche" kredenzt. Dagegen wirkt Mila Dargies (Doppelrolle: Frau Dahling) als aufgekratzter Sexy-Hexy-Feger doch ziemlich reduziert.

Station für Station wird die Geschichte von hinten aufgerollt: Wie der Sachensammler Rico im Hof eine herrenlose Nudel findet, dabei über den hochbegabten Spinner Oskar (Lisa Marie Stoiber) stolpert, der alles besser weiß, sich aber nur mit Sturzhelm aus dem Haus traut; wie die beiden ungleichen Außenseiter sich anfreunden, Oskar gekidnappt wird und Rico auf seiner Spurensuche todesmutig über sich hinauswächst. Ein spannendes Abenteuer, das Inda Buschmann mit viel Sinn für Slapstick prall und farbig auf die Bühne bringt: Zum Kichern, wenn Mathias Lodd die Nachrichten im Türrahmen verliest oder als Westbühl den Großwildjäger mimt. Mitreißend sind die wilden Tänze, akrobatischen Verfolgungsjagden und die Starr- und Schimpfduelle. Alles in allem – toller Stoff, tolles Stück.
–  Aufführungen: 12., 21., 22.2., 18 Uhr, 13., 23.2., 10 Uhr, Theater Freiburg. Ab 10. Tickets unter Tel. 0761/4968888