Schräge Bekanntschaften im Speisezimmer

Marion Klötzer

Von Marion Klötzer

Fr, 22. März 2019

Theater

Das Freiburger Theater Spielzimmer führt "Der Zauberberg" mit zwei Schauspielern auf.

In einem Betzenhausener Wohnzimmer steht ein Mann im weißen Bademantel und hustet – das ist erst mal nichts Besonderes. Dass ihm dabei geschätzte 40 Leute interessiert zusehen, aber schon. Das 2016 gegründete Freiburger Theater Spielzimmer feiert hier die Premiere seiner fünften Produktion: eine 90-minütige Adaption von Thomas Manns Mammutwerk "Der Zauberberg" für zwei Personen (Text, Regie, Dramaturgie: Helena Barop). Erstmals wurde eine Inszenierung der Gruppe vom Kulturamt gefördert – ein positives Signal für ein originelles Konzept: Knapp 100 Wohnzimmer und Gärten hat die freie Gruppe mittlerweile bespielt und so aus der Not mangelnder Auftrittsmöglichkeiten ein privat buchbares Erlebnis gemacht. Ob WG-Küche oder Villen-Foyer – die Gastgeber werden zu Theaterdirektoren, ihre Freunde und Bekannte zum Publikum, das nah im Geschehen sitzt und so einen temporären Kunstraum mit kreiert.

Solch Hermetik passt zum "Zauberberg" ganz wunderbar. Die Rollläden sind geschlossen, der Router ist ausgesteckt – willkommen im berühmten Lungen-Sanatorium Berghof im Hochgebirge bei Davos im Jahr 1907! Eben trifft Hans Castorp (Tim Huber) aus Hamburg ein, um seinen kranken Vetter Joachim (Michael Barop) zu besuchen. Drei Wochen will er bleiben, Romankenner wissen: Es werden sieben lange Jahre werden... Noch ist Hans ganz munter, erfreut sich an der majestätischen Natur in 1600 Meter Höhe, hat Spaß am schrulligen Patientenstamm und solch exotischen Ideen wie Seelen-Zergliederung, Temperaturmessung und Liegekur. Ein wenig anämisch ist Castorp schon, sein Schiffsbau-Studium im Flachland erschöpft ihn und so taucht er gerne ein in diese "ausdehnungslose Gegenwart", den geregelten Zeitstillstand. Umgeben von Krankheit und Tod hospitiert er wie Orpheus im Schattenreich – und geht dabei dem Leben verloren.

Also packen sich die beiden in kompliziert gefaltete Decken-Kokons, dokumentieren ihre Fieberkurve an der Wohnzimmer-Wand und machen schräge Bekanntschaften im Speisesaal. Mit viel Witz, pointierten Dialogen und grandioser Schauspielkunst wird das in Szene gesetzt: Umwerfend, wie Michael Barop mit winzigen Accessoire-Veränderungen mal den charismatischen Hofrat Behrens, den euphorischen Settembrini, die Russin Chauchat oder den radebrechenden Mynheer Peeperkorn gibt.

Dazu gibt es pfiffige Regie-Ideen: Da werden Löffel, Messer und Gabel per Objekttheater zur Stuttgarterin Frau Stöhr und ihrer Tischgesellschaft, ein Leuchtflummi im verdunkelten Zimmer zum Röntgenapparat und eine Topfpflanze zur Radiographie. Dazwischen fungieren die Spieler abwechselnd als Erzähler und bewältigen so elegant enorme Zeitsprünge. Vor allem aber komplexe Schachtelsätze. Melancholie und Parodie – hier liegen sie hautnah beieinander. Viel Applaus!