Psychische Gesundheit

Tipps gegen Lockdown-Frust: "Wir müssen lernen, uns selbst zu belohnen"

Verena Maria Schurr

Von Verena Maria Schurr (dpa)

Di, 19. Januar 2021 um 16:07 Uhr

Liebe & Familie

Kaum persönliche Kontakte, viele Einschränkungen: Psychologe Ralph Schliewenz spricht im Interview über den wachsenden Lockdown-Frust. Und wie Tür-und-Angel-Gespräche helfen können.

Die Corona-Pandemie verlangt den Menschen viel ab, bei einigen entsteht zunehmend Frust und es fällt schwer, sich an die Maßnahmen zu halten. Verena Maria Schurr sprach für die Deutsche Presseagentur mit dem Psychologen Ralph Schliewenz über die Frage, wie man durchhalten und sich motivieren kann.

BZ: Die Maßnahmen gegen Corona werden weiter verschärft, bei vielen sorgt das für Frust und Unverständnis. Warum?

Schliewenz: Zu Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020 war die Situation anders: Sie war für uns alle neu, und die Bereitschaft, sich unter diesen Umständen einzuschränken, hielt die Infektionszahlen noch vergleichsweise niedrig. Dieser Anfangseffekt ist nun verpufft. Die Menschen denken sich: "Seit Wochen werden die Maßnahmen verschärft, und dennoch steigen die Zahlen." Das frustriert und lässt die Hoffnung auf Besserung schwinden. Das Verbot von scheinbar allem, was Spaß macht, gekoppelt mit dem Gefühl, allein keinen Einfluss nehmen zu können, stellt die Vorgaben infrage. Die Haltung "Mir passiert schon nichts!" wirkt hier nicht nur sorglos und egoistisch. Die Reaktanz, also der innere Widerstand gegen Einschränkungen der Handlungsfreiheit durch Verbote, fördert zudem das sozial unverträgliche Verhalten.
Ralph Schliewenz (Jahrgang 1971) ist Diplom-Psychologe in Soest und stellvertretender Vorsitzender im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen.

BZ: Wieso fällt es vielen Menschen so schwer, Kontakte einzuschränken?

Schliewenz: Ich nenne es mal so: Glück kommt selten allein! Wir Menschen sind soziale Wesen. Was wir brauchen, um uns wohl zu fühlen, sind Bindungen und Beziehungen. Alles, was den sozialen Kontakt einschränkt, ist erstmal schädlich für die Psyche. Außerdem befinden wir uns in einer Ausnahmesituation, wie es sie so noch nicht für uns gab. Und wir können uns darüber nicht so austauschen, wie wir es sonst täten. Wichtig sind hier Alternativen, die uns miteinander verbunden sein lassen, ob durch Telefonate oder gemeinsame Online-Aktivitäten. Und auch wenn man die meiste Zeit im Homeoffice verbringt und nur einmal in der Woche ins Büro geht: Gerade jetzt sind die sogenannten Tür-und-Angel-Gespräche umso wichtiger.

"Alles, was den sozialen Kontakt einschränkt, ist erstmal schädlich für die Psyche."

BZ: Wie kann hier eine psychologisch effektive Haltung aussehen?

Schliewenz: Wichtig ist, sich als wirksam zu erleben. Nichts ist motivierender als Erfolg! Das ist wie beim Sport am frühen Morgen. Am Anfang muss man sich erstmal überwinden, aber danach denkt man immer: Gut, dass ich das gemacht habe. Dabei kann ich mir helfen lassen oder mir Feedback einholen. Das kann die eigene Oma tun, die mir signalisiert: Das ist okay, wenn du erstmal weiter wegbleibst. Wir müssen zudem lernen, uns selbst zu belohnen. Ein Gedanke hierbei könnte sein: Ich bin dankbar, dass ich und meine Liebsten heute wieder gesund aufgewacht sind. Oder: Ich habe es geschafft, zwar liebgewonnene, aber ungesunde Gewohnheiten zugunsten einer nachhaltigeren Lebensweise zu verändern.

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