Paare

Toxische Beziehungen: Zwischen Paradies und Katastrophe

Suria Reiche

Von Suria Reiche (dpa)

Di, 23. März 2021 um 15:21 Uhr

Liebe & Familie

Als ob ein Wasserhahn von heiß auf kalt umgestellt wird: Toxische Beziehungen schwanken permanent zwischen den Extremen. Sich daraus zu befreien, ist nicht einfach – was Betroffene tun sollten.

Es ist ein Gefühl, als wenn das Duschwasser plötzlich von heiß auf kalt wechselt. Im einen Moment sitzt man einem liebevollen und empathischen Menschen gegenüber, von dem man glaubt, er sei der oder die Richtige. Im nächsten Moment muss man sich von ihm oder ihr hämische und verletzende Kommentare anhören. Partnerschaften, in denen solche Sprünge immer wieder und ohne Vorwarnung stattfinden, nennt man toxische Beziehungen.

"Toxische Beziehungen sind im Kern dysfunktionale Beziehungen", sagt der Paartherapeut Andreas Kirsche aus Hamburg. In der Regel trete dabei ein Muster zutage: Die Bedürfnisse des einen Partners stehen im Vordergrund und werden dominant eingefordert, der andere Partner hat die Aufgabe, diese Bedürfnisse zu erfüllen. "In diesem Sinne ist die Beziehung geprägt von Dominanz, Kontrolle, Abwertung und Egoismus", sagt Kirsche. Daraus ergebe sich die Maxime: Du bist dafür da, dass es mir gut geht. Deshalb erwarte ich, dass du so bist, wie ich dich brauche.

Ein geringer Selbstwert macht anfällig für solche Beziehungen

Was erschreckend klingt, kommt nicht selten vor. Aber was sind das für Menschen, die in toxischen Beziehungen landen und festhängen? "Man kann grob sagen, dass diese Menschen häufig in der Kindheit einen starken emotionalen Mangel erlitten haben", erklärt Kirsche. Die Münchner Ehe-, Paar- und Sexualtherapeutin Gabriele Leipold erklärt: "Diejenigen, die sich in einer toxischen Beziehung befinden, idealisieren den Partner und verteidigen ihn dem Umfeld gegenüber." Bei den Menschen, die den schwachen Part in einer solchen Beziehung einnehmen, handle es sich oft um Personen mit geringem Selbstwertgefühl. Das könnten zum Beispiel frisch Getrennte oder Langzeitarbeitslose sein oder Menschen, die in einer anderen Krise stecken, sich depressiv fühlen oder große Angst vor dem Alleinsein haben. Kommt dann jemand in ihr Leben, der vor allem in der Anfangsphase der Beziehung charismatisch und einfühlsam auftritt, würden ihm alle Türen geöffnet. "Das hält er oder sie allerdings nicht lange durch", sagt die Paartherapeutin.

Der Begriff toxische Beziehung bezeichnet dabei nicht etwas völlig Neues: "Früher nannte man toxische Beziehungen einfach unglückliche Beziehungen. Es gibt sie schon immer", sagt Sabine Lahme, Mediatorin und Psychologische Beraterin in Düsseldorf.

"Es ist kaum möglich, toxische Beziehungen auf Dauer erträglich zu gestalten", Paartherapeutin Gabriele Leipold
Steckt man selbst in einer solchen Beziehung, merkt man das oft nicht sofort. Um die Zeichen zu erkennen, müsse man genau hinschauen: "Betroffene verwechseln tiefes Leid mit intensiver Liebe, fühlen sich durch die Beziehung eher geschwächt als gestärkt, ordnen sich immer mehr unter und zweifeln an ihrer eigenen Wahrnehmung", zählt Christian Hemschemeier, Diplom-Psychologe in Hamburg, auf. Paartherapeut Andreas Kirsche beschreibt eine toxische Beziehung so: "Es gibt einen ständigen Wechsel zwischen Paradies und Katastrophe. Intensive Liebesgefühle und drohende Trennung liegen manchmal nur Stunden auseinander." Ein weiterer Marker für eine toxische Beziehung sei das Gefühl von Alternativlosigkeit: Der eine Partner habe das sichere Gefühl, dass ein Leben ohne den anderen nicht möglich ist.



"Es ist kaum möglich, toxische Beziehungen auf Dauer erträglich zu gestalten", sagt Paartherapeutin Gabriele Leipold. Grund sei, dass der dominante und verletzende Partner oftmals unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leide und diese sei auch mit professioneller Hilfe so gut wie unheilbar.

Fast noch schwieriger sei es, den Partner überhaupt zu einer Therapie zu bewegen. Oft kommt es vor, dass der eine Partner die Schuld für Konflikte immer dem anderen zuschiebt. "Zum Gelingen oder Scheitern einer Beziehung gehören jedoch immer zwei", sagt Lahme. Beide müssten an der Beziehung arbeiten, wenn sie fortbestehen soll.

Wer die Opferrolle ablegt, ist auf dem Weg zur Heilung

Der schwächere Part in der Beziehung sollte dabei auf folgende Verhaltensweisen achten: klare Grenzen setzen, nicht in die Defensive geraten, die Fähigkeit entwickeln, sich selbst zu beruhigen und lernen, für diesen Trost nicht auf den anderen angewiesen zu sein. "Außerdem sollte man ein Gefühl für Selbstbestimmung entwickeln. Und, nein: Das heißt nicht Egoismus", sagt Kirsche.

Der Diplom-Psychologe Hemschemeier stimmt dem zu: "Es gilt zu erkennen, dass es kein Zufall war und man nicht einfach nur so ’Opfer’ geworden ist. Toxische Beziehungen weisen darauf hin, dass bestimmte emotionale Wunden eben noch nicht geheilt sind." Wenn Betroffene dies schaffen und sich nicht mehr nur als Opfer sehen, sei ein großer Teil der eigenen Heilung vollzogen, meint Leipold. Am Ende dieses Prozesses steht dann meist die Trennung.

Und wie stellt man als Betroffener sicher, nicht noch einmal in eine solche Beziehung zu geraten? "Gute Freunde können gebeten werden, zu möglichen zukünftigen Partnern ihre ehrliche Meinung abzugeben", sagt Leipold. Sie rät dazu, eine neue Liebe nicht zu überstürzen: "Sie sollte so lange zurückgestellt werden, bis eine klare Sicht auf die vergangene Beziehung und die eigene Beteiligung daran möglich ist."

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