Trost finden, irgendwie

Ingrid Mylo

Von Ingrid Mylo

Sa, 15. Februar 2020

Literatur & Vorträge

"Heimweh nach einer anderen Welt": Neue Erzählungen der amerikanischen Autorin Ottessa Moshfegh.

Ein schöner Ort", heißt eine Erzählung des großen Kjell Askildsen: Und natürlich ist der Ort für die, die ihn aufsuchen, all ihren Beschwörungsversuchen zum Trotz, alles andere als schön. "Ein besserer Ort", heißt die letzte der vierzehn Erzählungen in Ottessa Moshfeghs neuem Buch: Und genau dort will Urszula sein, denn von dort stammt sie, ihrer Überzeugung nach, her. Dass das Mädchen, um sein Ziel zu erreichen, "den richtigen Menschen" umbringen muss, schreckt es nicht ab: Zu groß ist das Verlangen, der Welt zu entfliehen, auf der es sich wie ein Fremdling fühlt. Gut fühlen sich die wenigsten der hier versammelten Figuren, Ekel und Übelkeit sind an der Tagesordnung: Die Frauen vernachlässigen sich, entweder mit wildem Vergnügen oder aus Kraftlosigkeit, ihre Gesichter sind verkniffen, als hätten sie "gerade einen Furz gerochen". Die Männer finden sich abstoßend, drücken an ihren Pickeln herum und halten die Frauen für Huren.

Selbst wenn sie sich, wie Mr. Wu, nach einer Frau verzehren, malen sie sich ihre Angebetete in widerwärtigen Situationen aus. Und als Marcia nach 29 Ehejahren plötzlich und unerwartet stirbt, genügt ihrem Witwer ein Foto aus ihrem letzten gemeinsamen Urlaub in der Karibik, um sie der Untreue zu bezichtigen: Als sei er erleichtert, sie endlich hassen zu dürfen.

Angeschlagene Menschen, deren Seelen Risse haben und denen es darum geht, dem "Chaos einen Sinn" zu geben und Trost zu finden, irgendwie: Und wenn sie dafür an Aliens glauben müssen, an falschen Zauber und Wiedergeburt. Und an die Phantasie, denn die kann der Wirklichkeit ein Bein stellen: Ein Kind träumt sich einen Namen zusammen, und dann taucht die Person tatsächlich auf. Ein Arbeitsloser denkt sich willkürlich eine Telefonnummer aus: Und als er sie wählt, lädt ihn die Frau zu sich nach Hause ein. "Dann sehen wir, was sich ergibt."

Manchmal ist Ottessa Moshfeghs ausgeprägtes Faible für das Abartige zu viel des Unguten. An diesen Stellen wirken ihre Erzählungen, als hätte sie in einer besonders verrufenen Gegend alles, was sich an Unrat auf dem Boden angesammelt hat, mit dem Fuß zusammengescharrt und daraus Sätze geformt. Meist aber schafft sie es, Interesse zu wecken und Mitgefühl für ganz andere Arten von Leben.

Ottessa Moshfegh: Heimweh nach einer anderen Welt. Stories. Aus dem Amerikanischen von A. C. Burger. Verlag Liebeskind,

Berlin 2020. 335 Seiten, 22 Euro.