Trost und Klage

Annette Hoffmann

Von Annette Hoffmann

So, 24. März 2019

Literatur & Vorträge

Der Sonntag Judith Schalansky stellt im Literaturhaus Freiburg ihr "Verzeichnis einiger Verluste" vor.

Es sieht aus, als könnten wir problemlos ohne den Kaspischen Tiger und C. D. Friedrichs Bild vom Greifswalder Hafen leben. Schwer zu sagen, was mehr zu beklagen ist, die Leerstelle oder unser dickes Fell. Im "Verzeichnis einiger Verluste" von Judith Schalansky werden Leerstellen noch einmal spürbar.

In den fünf Jahren, in denen Judith Schalansky am "Verzeichnis einiger Verluste" gearbeitet hat, ist viel passiert. Noch mehr ist verloren gegangen, aber auch manches hinzugekommen, wie die Autorin in den Vorbemerkungen auflistet. So fand etwa ein New Yorker Bibliothekar ein Haarbüschel von George Washington, Blauaugentäubchen wurden in einer brasilianischen Savanne wieder gesichtet und Archäologen stießen im Norden Griechenlands auf einen monumentalen Grabhügel.

Daraus ein geradezu organisches Verhältnis von Verschwundenem und Entdecktem auszumachen, wäre ein Trugschluss. Was weg ist, ist unwiederbringlich fort. Eher könnte man daraus die Möglichkeit der Veränderung ableiten, die für alles gilt, was in der Welt ist.

Für die Autorin, die 1980 in Greifswald geboren wurde und die für ihr aktuelles Buch mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2018 ausgezeichnet wurde, ist dies seit der Wende eine Grundprämisse. Und so tragen ihre zwölf literarischen Epitaphe für ausgestorbene Tierarten, untergegangene Inseln und verbrannte Kunstwerke auf eine eher indirekte Weise auch biografische Züge. "Wer einmal wie ich den Bruch der Geschichte erlebt hat, den Bildersturm der Sieger, die Demontage der Denkmäler, dem fällt es nicht schwer, in jener Zukunftsvision nichts anderes als eine zukünftige Vergangenheit zu erkennen", schreibt sie. Dass das Erinnern an Vergangenes eine wichtige Kulturleistung ist, macht Schalansky mehrmals deutlich. Sie unterscheidet uns. Nicht unbedingt vom Tier, auch Elefanten haben eine Erinnerung für verstorbene Herdenmitglieder. Aber doch vom Unzivilisierten.

Nicht grundlos widmet sich der erste Text der pazifischen Insel Tuanaki, die wohl 1842/43 nach einem Seebeben im Meer verschwand. Und dies nicht nur, weil Schalansky dadurch an ihren 2009 erschienenen "Atlas der abgelegenen Inseln" anknüpfen kann, die Leser schlüpfen auch in die Rollen der Weltumsegler: Ihnen gegenüber der Einheimische, der so, "ohne es selbst zu bemerken, entdeckt worden war und dem die für jeden Bericht aus der Ferne unerlässliche Rolle der Eingeborenen zugedacht war". Schalansky jedoch ist eine Entdeckerin, der man gerne folgt, die sich ihren Sujets annähert und für jeden Verlust einen eigenen Ton und eine eigene Erzählung findet.

Bücher der Berliner Autorin – und das gilt für den "Atlas der abgelegenen Inseln" ebenso wie für die von ihr betreute "Naturkunden"-Reihe bei Matthes & Seitz – haben immer das Zeug als "schönste deutsche Bücher" ausgezeichnet zu werden, denn Schalansky ist auch Buchgestalterin. Den einzelnen Texten stehen Abbildungen schwarz auf schwarz voran, die nur aus einem bestimmten Blickwinkel zu erkennen sind. Ihre Weg- und Naturbeschreibung des Flusses Ryck im heimischen Greifswald wird durch ein Hafenbild C. D. Friedrichs eingeleitet, das 1931 bei einem Brand in der Hamburger Kunsthalle zerstört wurde. Nicht immer ist die Verbindung zwischen Bild und Text direkt, manchmal geht es auf vermeintliche Abwege. Und überhaupt, wenn es an Anschauung fehlt, ist das Anlass, aus Recherche Fiktion werden zu lassen. Da führt das Nachdenken über den letzten Kaspischen Tiger ins römische Kolosseum während der Herrschaft von Kaiser Claudius, wo Tierkämpfe als Vorprogramm der Gladiatorenauftritte gezeigt wurden. Wie in den antiken Mosaiken solcher Volksbelustigungen so ist auch in Schalanskys Text etwas von der gefährlichen Schönheit von Tiger und Löwe zu spüren. Aber auch der Erbarmungslosigkeit der Menschen, die das Tier anscheinend nur gefangen, ausgestellt und am Ende getötet ertragen. Schalansky zeigt aber auch die Zusammenhänge auf: die innenpolitische Schwäche des Herrschers Claudius, die er mit grausamen Spielen auszugleichen versucht. Und die existenzielle Leerstelle des Todes, die durch das Tieropfer mitten unter den Menschen war.
Judith Schalansky, Verzeichnis einiger Verluste, 252 S., Berlin 2018, Suhrkamp Verlag, 24 Euro.
Lesung: Dienstag, 26. März, 19.30 Uhr, Literaturhaus Freiburg, Bertholdstraße 17, ausverkauft.