Überwältigungsfilme über große Männer

epd

Von epd

Di, 14. September 2021

Kino

Der politisch provokante US-Regisseur und Drehbuchautor Oliver Stone wird 75 Jahre alt.

Schon vor 30 Jahren hat Oliver Stone den Mord an Präsident John F. Kennedy in einem Spielfilm behandelt: "JFK: Tatort Dallas". Stones größter Kassenerfolg warf jede Menge Fragen auf und wies auf Ungereimtheiten hin – schlüssige Antworten hatte er keine. Die liefert auch sein Dokumentarfilm "JFK Revisited: Through The Looking Glass" nicht, bei dem er auf dem Filmfestival von Cannes im Juli mit Standing Ovations begrüßt wurde. Aber Stone, der diesen Mittwoch 75 Jahre alt wird, legt neues Archivmaterial vor, spricht mit Wissenschaftlern und Zeitzeugen – und macht erneut klar, dass die Einzeltäter-Theorie nicht zu halten ist.

Der Kennedy-Mord von 1963 ist ein amerikanisches Trauma – aber kein US-Studio wollte den Film finanzieren; er entstand mit Geld aus Italien und Großbritannien. Das widerfuhr Stone schon vor fünf Jahren mit "Snowden", der Geschichte des NSA-Whistleblowers.

Wahrscheinlich hat sich kein anderer Regisseur in den USA intensiver mit der neueren Geschichte und politischen Gegenwart des Landes beschäftigt hat als Stone. Es geht in seinen Filmen um den Vietnamkrieg und die Folgen ("Platoon", 1986, "Geboren am 4. Juli", 1989, "Zwischen Himmel und Hölle", 1993), um Haifisch-Kapitalismus ("Wall Street", 1987) oder die amerikanische Medienwelt, die er in einer Brachialsatire nachbildete ("Natural Born Killers", 1994).

In der Wahl seiner ästhetischen Mittel ist Stone wenig zimperlich. Er macht trotz des intellektuellen Anspruchs seiner Filme Überwältigungskino, kein Kopfkino. Er schneidet schnell und exzessiv und liefert dem Zuschauer ein Amalgam aus Fakten und Vermutungen.

In "Salvador" (1986) thematisierte er Verstrickungen der USA in Mittelamerika, er inszenierte mit "Nixon" (1995) einen Schwanengesang auf den Ex-Präsidenten und pries mit "The Doors" (1991) die Gegenkultur der 60er. "World Trade Center" versuchte 2006, den Schock des 11. Septembers mit den Mitteln des Genrekinos spürbar zu machen.

Geboren in New York als Kind eines erfolgreichen Börsenmaklers, brach Stone 1965 seine akademische Ausbildung ab, um als Lehrer nach Saigon zu gehen. 1967 meldete er sich als Freiwilliger zum Vietnamkrieg. Nach seiner Rückkehr begann er ein Filmstudium, schrieb Drehbücher, sein großes Thema sind große Männerfiguren. Neben JFK und Nixon hat er auch George W. Bush einen Film gewidmet – eine Satire, wie er selbst sagt ("W", 2008). Alexander den Großen setzte er 2008 monumental in Szene. Und so legendär wie umstritten sind die Interviews mit Fidel Castro und Wladimir Putin.

Die charismatischste Figur im Universum des Regisseurs ist aber sicher der Broker Gordon Gekko aus "Wall Street" (1987). Das Leitmotiv des Börsenmephisto, "Gier ist gut", ging ebenso in den Zitatenschatz der Filmgeschichte ein wie der Spruch: "Wenn Du einen Freund brauchst, kauf Dir einen Hund".