Unbequeme Tatsachen

Juliana Eiland-Jung

Von Juliana Eiland-Jung

Di, 18. Februar 2020

Lahr

Kabarettist Sebastian Schnoy im Lahrer Stiftsschaffneikeller.

LAHR. Der Kabarettist Sebastian Schnoy ist 50, sieht aber jünger aus. Gut möglich, dass für ihn die Regel nicht gilt, dass Männer sechs Jahre früher sterben als Frauen. Für die Bemerkung, dass diese Tatsache der eigentliche Grund dafür ist, dass Männer für gleiche Arbeit mehr verdienen, erntete Schnoy am Samstagabend im ausverkauften Stiftsschaffneikeller ordentlich Buhrufe – von Männern und Frauen.

Klatschen oder Buh rufen, man muss sich entscheiden bei Schnoy, und das ist oft gar nicht so einfach. Früher, als es noch Dampfloks und Dieselloks gab, da fielen die Züge nicht aus bei Sturm und Schnee, weil neben den Gleisen in einem breiten Streifen keine Bäume wachsen durften. Wollen wir das wieder? Andere Frage: Ist es wirklich so, dass Schlepper die Bösen sind, die an der Not der Menschen verdienen? Das könnte man auch dem Apotheker von nebenan vorwerfen. Und hätte nicht Anne Frank überleben können, wenn ein Schlepper ihr geholfen hätte? Dafür, dass es überhaupt Schlepper gibt, sorge vor allem die restriktive Einwanderungspolitik der EU. Nicht einmal offensichtlich asylberechtigte Menschen aus Kriegsgebieten können schließlich legal nach Europa einreisen, sondern sind aufs Schlauchboot angewiesen.

Einfach macht Schnoy es dem Kabarettpublikum nicht. Er konfrontiert mit der unbequemen Tatsache, dass unter Trump die Arbeitslosigkeit in den USA zurückgegangen ist und dass sein Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen ehrlicher ist als drinbleiben und sich doch nicht dran halten, wie andere Staaten. Deshalb findet Schnoy den Mann, der die Darstellung seiner Außenpolitik beim Pixi-Buch-Verlag veröffentlichen könnte, noch lange nicht gut. Aber genauso wenig kann der Hamburger Kabarettist die Überheblichkeit von VW-Bus-Fahrern gegenüber SUV-Besitzern durchgehen lassen, oder den Salonkommunismus von Hamburger Reichenkindern, die ihr Problem mit hohen Mieten durch den Kauf einer Eigentumswohnung in Ohlsdorf lösen können.

Nicht alle politischen Analysen muss man teilen, oft aber legt Schnoy Widersprüche offen und regt dazu an, den eigenen Standpunkt zu überprüfen – oder nach besseren Argumenten dafür zu suchen. Dass – wie der Titel des Programms es nahelegt – vor allem Deppen Idioten wählen und man sich damit abfinden müsse, dass die Deppenquote nun mal bei rund 20 Prozent liegt, ist im Verhältnis zum Rest des Abends ein unterkomplexes Fazit. Insgesamt ein erfrischend unvorhersehbarer Kabarettabend mit einer ordentlichen Portion Selbstkritik an der Kabarettistenzunft.