UNTERM STRICH: Der Fluch der Toten?

Nina Witwicki

Von Nina Witwicki

Mi, 14. Oktober 2020

Unterm Strich

Wenn Zufälle aufeinandertreffen, kommt ein Aberglaube heraus / Von Nina Witwicki.

Wer die Toten stört und bestiehlt, muss ihre grausame Rache ertragen. Hartnäckig hält sich dieser Aberglaube – bis heute. Im November 1922 öffnete der britische Archäologe Howard Carter das unberührte Grab des Pharaos Tutanchamun – eine Weltsensation. Der Tontafel mit den Worten "Der Tod soll den mit seinen Schwingen erschlagen, der die Ruhe des Pharaos stört" schenkte der Wissenschaftler damals keinerlei Bedeutung.

Doch bereits wenige Monate danach starben mehrere Expeditionsmitglieder aus unerklärlichen Gründen. Es schien, als bestätige sich die schreckliche Drohung des Pharaos. Die Meldungen in den Zeitungen überschlugen sich und der Mythos des Fluchs des Pharaos war geboren. Kunstsammler und Wissenschaftler entledigten sich ihrer ägyptischen Artefakte.

Anfang der 1990er Jahre fanden Erika und Helmut Simon im Ötztal eine Mumie. Sieben Männer, die bei der Bergung und Erforschung von Ötzi beteiligt waren, starben – auch Helmut Simon. Er kehrte 2004 von einer Alpenwanderung nicht mehr zurück. Seinen eisigen Körper fand man erst Tage später. Der Fluch des Ötzi?

Jüngst erreichte die archäologische Stätte Pompeji ein Paket einer Kanadierin, wie italienische Medien berichten. Ihre Nachricht ist eindeutig: "Nehmt sie bitte zurück, sie bringen Pech", schrieb Nicole. Sie hatte zwei Mosaikfliesen und mehrere Scherben 2005 von der Ausgrabungsstätte der italienischen Stadt gestohlen, die 79 nach Christus vom Vesuv unter Lava begraben wurde. Das Diebesgut scheint ihr kein Glück gebracht zu haben. Nicole erkrankte zweimal an Brustkrebs, ihre Familie hat finanzielle Probleme. Sie führt diese "negative Energie" auf den Fluch der Scherben zurück und hoffe nun auf die Vergebung Gottes. In Pompeji freut man sich über die Rückgabe, ist so etwas aber bereits gewohnt. Der archäologische Leiter Massimo Osanna berichtet von hunderten Paketen, die Menschen aus schlechtem Gewissen oder aufgrund der Überzeugung verflucht zu sein, nach Italien zurückschicken.