UNTERM STRICH: Die Ein-Familien-Box

Martina Philipp

Von Martina Philipp

Mi, 17. März 2021

Unterm Strich

Was man alles mit einer Telefonzelle anstellen könnte / Von Martina Philipp.

Wenn man sich mal so richtig weise fühlen will, geht man mit einem kleinen Kind an einer Telefonzelle vorbei. "Was ist das?" "Eine Telefonzelle." "Häh?" Während man sich fortan in umständlichen Erklärungsversuchen bezüglich des Vor-Handy-Zeitalters verliert, stellt sich ratzfatz die Frage, was man heutzutage selbst überhaupt in einer Telefonzelle noch anstellen könnte. Außer die Eltern der Kindergartenfreundin (deren Nummer man mutmaßlich noch während der letzten Atemzüge runterrattern könnte) und die Polizei könnte man ohne Handy schließlich eh niemanden anrufen.

In Großbritannien gehen die roten Telefonzellen zurzeit weg wie nichts. Und das liegt nicht nur daran, dass sie unheimlich viel schöner sind als unsere blasrosa-grauen Telekom-Kisten. Unter dem "Adopt A Kiosk"-Programm sind mittlerweile laut British Telecom 6600 Zellen umgewidmet worden, 4000 weitere stellt sie zur Verfügung. Umgerechnet 1,20 Euro kostet der Spaß, und der Fantasie sind beim fröhlichen Zweckentfremden kaum Grenzen gesetzt. Der eine verkauft Eis darin, die andere zusammen mit Vorschulkindern Blumen und Gemüse. Büchertausch-Boxen entstehen, Orte für lebensrettende Defibrillatoren, eine Mini-Bar sowie eine klitzekleine Kunstgalerie, die dann Queen-Gitarrist Brian May höchstpersönlich einweiht.

Wer möchte da nicht innovativ werden? Immerhin: In Berlin gibt’s längst Telediskos auf dem einen Quadratmeter. Und da dem Vernehmen nach Ein-Familien-Häuser hierzulande bald Geschichte sein dürften, muss man nicht mal – wie es neudeutsch heißt – "outside the box" denken. Sondern eher inside the Telefonbox. Aus dem Phänomen der Tiny Houses würden sehr, sehr, sehr kleine Häuschen. Wenn man im Stehen schläft, könnte das gehen. Besuch soll man ja grad eh nicht empfangen. Und selbst wenn: In Schottland haben sich schon 16 Frauen in eine Telefonzelle gequetscht. So die Pandemie mal ein Ende hat, wird uns eh alles nicht eng genug sein können.