UNTERM STRICH: Die etwas andere Zulieferindustrie

Johannes Dieterich

Von Johannes Dieterich

Di, 14. September 2021

Unterm Strich

Kenias Essayfabriken produzieren Diplom- und Doktorarbeiten / Von Johannes Dieterich.

Das Phänomen ist nicht gerade neu. Studentischen Verbindungen wird schon seit weit über 100 Jahren nachgesagt, in ihren Kellern massenweise Seminar-, Diplom- oder auch Doktorarbeiten gebunkert zu haben, auf die ein Mitglied zurückgreifen kann, falls ihm die Muße oder auch der Gehirnschmalz für eine eigene wissenschaftliche Arbeit fehlt: Später ist aus dem "Outsourcing" akademischer Schriften ein regelrechter, wenn auch illegaler Geschäftszweig geworden. Nach Erhebungen der BBC greift inzwischen einer von sieben Studenten im Lauf seines Studiums auf sogenannte "essay mills" (Essayfabriken) zurück, die ihm – Bezahlung versteht sich – einen brauchbaren Text besorgen. Der Auftraggeber muss lediglich das Thema, den Umfang und das Abgabedatum nennen.

Bisher konnte der begüterte Akademikernachwuchs davon ausgehen, dass die Ghostwriter aus demselben kulturellen Milieu wie sie selber stammen – doch auch mit dieser Gewissheit hat die vierte industrielle Revolution aufgeräumt. Inzwischen gibt es ein weltweites Netz derartiger Essayfabriken: Ein Text über den Gebrauch des Genitivs in Shakespeares Werk kann in Oxford, Texas oder Nairobi entstanden sein. Laut BBC ist das ostafrikanische Kenia sogar zur Hochburg von mit Geisterhand geschriebenen Haus- und Doktorarbeiten geworden: Dort habe sich eine ganze Zulieferungsindustrie für unter Druck geratene Studenten aus wohlhabenden Ländern entwickelt.

Die BBC lässt einen "Kennedy" zur Sprache kommen, der nach eigenen Angaben umgerechnet rund zwei Euro pro Seite verdient: Seine "essay mill", auf die er zur Vermittlung von Aufträgen angewiesen ist, kann mit dem Fünffachen als Einnahme rechnen. Mit rund 15 Seiten, die er täglich verfasst, verdient der ehemalige Lehrer wesentlich mehr als früher: "Die Gehälter hier sind lächerlich." "Kennedys" Kollege "John" aber plagen Skrupel: "Ich möchte nicht von einem Arzt behandelt werden, der seine Examensarbeit einer essay mill verdankt."