UNTERM STRICH: Ein schwacher Trost

Franz Schmider

Von Franz Schmider

Di, 02. März 2021

Unterm Strich

In der Schweiz bricht in der Krise der Schoggi-Absatz ein / Von Franz Schmider.

Krisen machen anfällig. Wir sprechen hier nicht nur von den ganz großen Krisen, etwa wie Kuba die Welt an den Rand des Atomkrieges brachte, die Opec für leere Autobahnen sorgte oder der Schalker Kreisel ins Trudeln geriet. Auch nicht über die Krise aller Krisen, die Pubertät.

Für die Bewältigung normaler Krisen hat jeder sich so seine Belohnungsmechanismen oder -mittel zugelegt. Gegen den Boxsack hauen soll helfen, die Wohnung putzen oder seine Lieblingsmusik hören. Manche Krisenbewältigungsmodelle wirken nicht (den Kopf in den Sand stecken), schaden eher (sich mit Alkohol zudröhnen) oder haben Nebenwirkungen – anderen die Schuld an der eigenen Misere zu geben, macht zum Beispiel einsam. Allgemein akzeptiert und gerne genutzt wird die Schokolade, die Freundin aller Einsamen, Versteherin aller Unverstandenen. Amerikaner zum Beispiel würden eher auf Sex als auf Schokolade verzichten. Warum? Weil schon der Anblick von Schokolade im Gehirn das Belohnungssystem in Gang setzt und entsprechende Hormone den Körper fluten. Kakaobohnen enthalten unter anderem Phenylethylamin, das findet man sonst vor allem im Blut von frisch Verliebten.

Da müssen doch in Zeiten von Kontaktbeschränkungen und geschlossenen Kneipen in den Schoggi-Fabriken unserer Nachbarn die Kessel nur so blubbern. Zumal der Anblick eines Tobleroneriegels uns sagt, dass wir mit ihm, unverwüstlich wie das Matterhorn, allen Stürmen trotzen können. Ist ein Gaumen erst einmal ordentlich mit Schokolade benetzt, hat Corona keine Chance. Sicherheit kann sich so süß anfühlen. Krise? Iwo!

Doch was lesen wir? Der Pro-Kopf-Absatz von Schokolade in der Schweiz ist erstmals seit 1982 auf unter zehn Kilogramm gesunken, das sind weniger als 200 Gramm pro Woche. Doch Lindt & Co müssen vorerst keine Schoggi-Krise fürchten. Verantwortlich für den Rückgang waren allein die ausgebliebenen Touristen, die den Daheimgebliebenen keinen Trost mitbringen mussten.