UNTERM STRICH: Immer der Nase nach

Franz Schmider

Von Franz Schmider

Di, 20. Oktober 2020

Kolumnen (Sonstige)

Was fürs Essen und die Liebe gilt, ist auch bei Fragen der Moral wichtig / Von Franz Schmider.

Dass die Nase dort sitzt, wo sie sitzt, hat, abgesehen von der Ästhetik, einen ganz und gar vernünftigen und nachvollziehbaren, wenngleich häufig viel zu wenig beachteten Grund: Die Nase ist so etwas wie die finale Alarminstanz für die Beurteilung dessen, was wir Menschen uns so im Laufe des Tages in den Rachen stopfen. Wir haben es betrachtet und befühlt und für gut befunden, nun wird noch gerochen. Bewusst, wenn ein Grundverdacht besteht, meist aber unbewusst. Wichtig: Was nicht gut riecht, kann nicht gut sein. Im schlimmsten Fall ist es richtig schlecht, nämlich gefährlich, verdorben, giftig. Und wenn wir es im Mund schmecken, kann es zu spät sein.

Diese Gleichung – rieche erst, bevor du ein Urteil sprichst – gilt beim Menschen offenbar nicht nur für die Aufnahme von Lebensmitteln sowie bei der Anbahnung emotionaler Bindungen, wie das Team um den Genfer Neurowissenschaftler mit dem melodiösen Namen Corrado Corradi dell’Acqua herausgefunden und in der Zeitschrift Science Advances publiziert hat. Vielmehr schaltet sich unser Riechorgan auch dann ein, wenn es um die Beurteilung moralischen Handelns geht.

In einem Experiment haben die Genfer Forscher Probanden vor ein moralisches Dilemma gestellt, der Versuchsaufbau ist vielfach erprobt. Doch nun ging es nicht darum herauszufinden, wie sie sich aus dem Dilemma befreien, sondern im Computertomographen verfolgten die Hirnforscher, in welchen Arealen sich etwas tut. Lange galt der Schmerz als Zuchtmeister für die Erziehung zum Guten, doch nun zeigt sich: Es ist der Ekel. Wenn es um moralische Urteile geht, ist das olfaktorische Zentrum besonders aktiv.

Vielleicht haben wir das schon längst geahnt. Wer nicht gut riecht, kann nur ein Lump sein. Man könnte freilich auch umgekehrt der These nachgehen, ob ein besonders hoher Aufwand bei der Nutzung künstlicher Aromen nur dazu dienen soll, das Gegenüber zu täuschen und die eigene Verruchtheit zu kaschieren. Die Frage könnte man ja zumindest mal stellen.